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"Tatort"-Kritik: Kein Hoch auf uns - und das ist gut so

Ein Flüchtling liegt verbrannt in einer Polizeizelle - wie konnte das passieren? Ausgerechnet Kommissar Falke trägt Mitschuld. Die ARD wiederholt diesen beklemmend guten "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring, der auf einer wahren Begebenheit beruht.

Tatort

Es ist der letzte gemeinsame Fall für Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Falke (Wotan Wilke Möhring).

Das kann doch gar nicht sein, denkt der Zuschauer bei dieser Tatort-Wiederholung. Und: Bisschen viel US-Krimis geguckt, diese Drehbuchautoren. Aber leider hat sich die beklemmende Geschichte aus dem "Tatort" genau so in Deutschland zugetragen. Und zwar in Dessau, 2005: Der Asylbewerber Oury Jalloh wird verbrannt in einer Polizeizelle aufgefunden. Obwohl der 36-Jährige aus Sierra Leone auf einer Liege an Händen und Füßen angekettet war, soll er sich selbst angezündet haben. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

In "Verbrannt" erleben nun Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) und Kommissarin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) einen ähnlichen Albtraum in einer Kleinstadt in Niedersachen. In deprimierenden Brauntönen fängt die Kamera leerstehende Häuser, heruntergekommene Spelunken ein. Dazu spielt eine Geige die deutsche Nationalhymne.

Falke trägt Mitschuld am Tod

Ein Grillfest zum Nationalfeiertag ist zwar wirklich etwas, was eher die Amerikaner am 4. Juli veranstalten, aber hier lädt der Polizei-Dienststellenleiter Werl (Werner Wölbern) seine Belegschaft dazu ein. "Wir kennen alle Familien", sagt er väterlich-stolz. In der Nacht zuvor ist ein geduldeter Flüchtling in seiner Polizeiwache verbrannt, trotzdem fließt das Bier. Das Tragische: Ausgerechnet Falke trägt eine Mitschuld am Tod des Schwarz-Afrikaners. Er hatte ihn dort abgeliefert, ihn vorher bei einer Verfolgung sogar brutal verprügelt. Das schlechte Gewissen plagt den Bundespolizisten, ungefragt reißt er die Aufklärung des Brands an sich und seine Kollegin. Und stößt auf schweigende Polizisten-Kollegen. "Was ist denn das hier für ein Sumpf!", bricht es entsetzt aus Falke heraus. 

Rassismus ist in jeder kleinen Bemerkung spürbar

Es ist die letzte gemeinsame Ermittlung für ihn und Lorenz, Schmidt-Schaller verlässt das "Tatort"-Team. Die ungeklärte Liebesgeschichte ihrer Figur zu Falke wird noch einmal angedeutet - aber der düstere Fall steht im Vordergrund. Und das ist gut so. "Verbrannt" hält sich eng an die realen Begebenheiten, der Dokumentarfilmer Pagonis Pagonakis, der das echte Geschehen filmisch aufgearbeitet hat, war als Berater tätig. 

Institutioneller Rassismus ist vor allem in den USA ein heißes Thema, dort machen aktuelle Fälle immer wieder Schlagzeilen. Doch auch nach Deutschland passt der "Tatort" angesichts der "besorgten Bürger" wegen des Flüchtlingszustroms besser denn je. "Die Leute brauchen Sicherheit", sagt Polizeileiter Werl. Ein anderer Kollege erzählt vom türkischen Bäcker, dessen Brötchen ihm nicht schmecken. Der Film macht Rassismus in jeder kleinsten Bemerkung spürbar. Dazwischen Bier, Bratwurst, "Ein Hoch auf uns", Abscheu. "Dann ist das nicht mein Land!", möchte man wie Merkel am liebsten rufen. Dieser "Tatort" brennt noch lange nach.