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Prozess in Dessau: Warum verbrannte Oury Jalloh?

Unter großem internationalen Interesse hat in Dessau der Prozess gegen zwei Polizeibramte angefangen. Ihnen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen, weil sie einen Feueralarm ignoniert hatten - dabei verbrannte ein Asylbewerber in seiner Zelle.

Gut zwei Jahre nach dem mysteriösen Feuertod eines Asylbewerbers in einer Polizeizelle hat am Dienstag vor dem Landgericht Dessau der Prozess gegen zwei Beamte begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Polizisten fahrlässige Tötung und Körperverletzung mit Todesfolge vor. Während einer der beiden Angeklagten am Dienstag jede Schuld von sich wies, bestätigte der andere, nicht rechtzeitig auf den Feueralarm aus der Zelle reagiert zu haben. Der Prozess wird mit großen internationalen Interesse verfolgt.

Jalloh war an Händen und Füßen gefesselt

Der 23-jährige Oury Jalloh aus Sierra Leone war am 7. Januar 2005 an einem Hitzetod in einer Gewahrsamzelle der Polizei in Dessau gestorben. Der alkoholisierte und an Händen und Füßen gefesselte Mann soll nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einem Feuerzeug seine Matratze selbst angezündet haben. "Wir halten die Anklage für eine Hypothese, die denkbar, aber wenig plausibel ist", erklärte Anwältin Regina Götz im Namen der Nebenklage. Es sei unfassbar, dass es dazu habe kommen können, dass der an allen Gliedmaßen gefesselte Oury Jalloh den Brand ausgelöst haben solle. Die Juristin vertritt die Mutter des Brandopfers, die für den Prozess aus ihrer jetzigen Heimat Guinea nach Deutschland reiste.

Dem 46-jährigen Dienstgruppenleiter Andreas S. wirft die Anklagebehörde fahrlässige Tötung vor. Er habe das Signal des Rauchmelders der Zelle zwei Mal ausgeschaltet und ignoriert, erklärte Oberstaatsanwalt Christian Preissner. "Oury Jalloh starb sechs Minuten nach Ausbruch des Feuers an einem Hitzeschock." Er hätte noch leben können, wenn ihm gleich nach Ertönen des ersten Signals geholfen worden wäre.

Angeklagter wollte "Dienstablauf gewährleisten"

Der Polizist begründete sein Verhalten damit, dass er zunächst von einem Fehlalarm ausgegangen sei. Zudem wollte er nach eigenen Worten den "Dienstablauf gewährleisten". Er reagierte erst, als der Brandmelder des gesamten Zellentrakts angesprungen war. Da kam für den jungen Mann aber jede Hilfe zu spät. Dem 44-jährigen Streifenpolizist Hans-Ulrich M. wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen, weil er laut Staatsanwaltschaft bei der Durchsuchung das Feuerzeug übersah. M. wies diese Darstellung vor Gericht zurück. Er habe Jalloh entsprechend der Dienstordnung durchsucht. "Ein Feuerzeug war mit Sicherheit nicht da."

Eine internationale Beobachtergruppe verfolgte das Verfahren vor dem Landgericht, darunter Anwälte aus Frankreich und Südafrika sowie der Leiter der britischen Beratungsstelle für Opfer von Rassismus und eine Vertreterin von Amnesty International. Amnesty verlangte im Zusammenhang mit dem Prozess mehr Fortbildung für Polizisten. Der Sprecher der Koordinierungsgruppe Polizei, Falk Menzner, sagte im MDR: "Wenn man jahrelang auf der Straße Dienst macht und es immer wieder mit einem bestimmten Klientel zu tun hat, dann verengt sich der Gesichtskreis. Dann bekommt man Vorurteile."

Amnesty für mehr Fortbildung für Polizisten

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) wies unterdessen einen Rassismus-Verdacht im Zusammenhang mit dem Tod des Asylbewerbers zurück. "Ich bin mir sicher, dass die Polizei in Sachsen-Anhalt kein Problem mit rassistischem Gedankengut hat", sagte der stellvertretende GdP-Landesvorsitzende Uwe Petermann im ZDF. Der Prozess vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Dessau dauert länger als ursprünglich geplant. Der Vorsitzende Richter Manfred Steinhoff setzte am Dienstag weitere Verhandlungstage an. Ein Urteil wird für Mitte Mai erwartet.

Reuters / Reuters