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"Tatort" Bremen: "Ordnung im Lot": Wehe, wenn der Nachrichtensprecher kommt

Griechische Mythologie, paranoide Schizophrenie und ein Auftragsmord sind der Stoff, der Inga Lürsen und ihren Kollegen Stedefreund auf Trab hält. Ein fantasievolles Drehbuch und eine wunderbare Irre machen den Bremer "Tatort" zu einer gelungenen wie lehrreichen Märchenstunde.

Von Susanne Baller

Schuhe aus, sonst hab ich wieder die Ameisen!", lautet der erste Satz von Sylvia Lange (dank Mira Partecke einer wundervoll authentischen Irren), als sie erfährt, dass die Kommissare von der Tankstelle gegenüber kommen. Sie muss sich zu einem Mord befragen lassen, der dort passiert ist: Tomic, der Besitzer, wurde mit einem präzisen Kopfschuss getötet. Sylvias bildhafte Sprache, der eigene Singsang, die kindliche Stimmlage fallen den Kommissaren sofort auf. Ihr Sohn Max (Vincent Göhre), der sie am liebsten vor der Polizei verstecken möchte, erwähnt, dass "Quo vadis" ihr Lieblingsfilm ist. Und dass sie allergisch gegen Ameisenbisse ist. Sylvia erzählt, dass die Griechen zu Ameisen Myrmix sagen und Feinde strategisch immer gegenüber wohnen. Naiv und nur ein bisschen verrückt wirkt sie da noch.

Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), die diesen Fall sehr intuitiv angeht, fragt ihren Kollegen staunend: "Was hat sie?" Und Stedefreund - wieso hat der Mann eigentlich keinen Vornamen? - (Oliver Mommsen), der als zynisch kommentierender, gut informierter Kollege ein wunderbares Pendant bildet, entgegnet: "Weiß ich nicht. Auch nicht ihre Krankenversicherung. Sie ist nicht in Behandlung."

Eine authentische Vorlage

Wie es ist, Menschen beim Erkranken eines Familienmitgliedes zuzusehen, haben die Drehbuchautoren Claudia Prietzel und Peter Henning, die auch Regie geführt haben, selbst miterlebt. "Wir kennen eine Familie, in der das so passiert ist. Das war sehr beeindruckend", erzählt Peter Henning im Interview mit Radio Bremen. In Deutschland sind rund 4,5 Millionen Menschen psychisch krank.

Die Grenze zum Wahn lässt sich manchmal schwer erkennen. Viele Menschen machen sich Sorgen um die Strahlung von Mobilfunkmasten, giftige Dämpfe von Tankstellen, Kameras, die sie ausspionieren. Viele verwenden ein Pendel (Lot) und entscheiden anhand seines Ausschlags. Je nach Persönlichkeit oder Gesundheitszustand führen diese Sorgen dann zum Gründen einer Bürgerinitiative, zum Verkleben der Fenster oder zum Tragen von Goldfolie.

Lauter einsame Seelen

In Sylvias Familie ist der Alltag dem Befinden der Mutter unterworfen. Je weniger sie "in Unordnung" gerät, desto stabiler verläuft der Tag. Normal ist er nie: Im Haus bleiben wegen der Tankstellen-Dämpfe die Fenster geschlossen, auch eine Reihe von Ventilatoren unter der Decke im Flur soll sie vertreiben. Als Mutter tritt Sylvia gar nicht in Erscheinung, diese Art von Beziehung zur Realität hat sie verloren. So findet Sohn Max in Hund Fido und Tankstellenbesitzer Jure Tomic eine Ersatzfamilie, Jure hatte selbst eine harte Kindheit in Kroatien. Andere Freunde zeigen zu wenig Verständnis für Max' Situation. Nicht nur die Tatsache, ohne Mutter aufzuwachsen, belastet Max: "Sie ist manchmal wie so ein wandelnder Zombie. Kann sie gar nix für, das ist genetisch bedingt. Sowas erbt man." Ob auch er die Krankheit erben wird, weiß Max nicht, zu Hause wird darüber nicht offen geredet. Sein Vater (Wolfram Koch) lügt sich die Welt erträglich. Und Sylvia hält nicht sich für krank, sondern die Welt.

In die Wahnsinnsgeschichte rankt sich der Mordfall. Und mit ihm das Schicksal der Familie von Tankstellenbesitzer Jure Tomic. Dieser hatte seinen Sohn Ruben (Fabian Busch) auf Reisen geschickt, während seine Frau (Irene Rindje) ihre Schwester besucht, sodass er in dieser Zeit seinen eigenen Mörder bestellen konnte. Ein Auftragsmord, für den er einem alten Freund 20.000 Euro bezahlen will. Der Exilkroate opfert sich, damit seine Frau ohne finanzielle Not alt werden kann, er hatte ein Jahr zuvor die Lebensversicherung aufstocken lassen. "Für dich geh ich durchs Feuer", hatte er immer zu ihr gesagt. Seine kroatischen Freunde und eine alte Legende waren Tomic ebenfalls heilig. Ein Tattoo, das er und sein Mörder tragen, zeugen davon. Seine Frau und seinen Sohn, später auch Max, hat Tomic stark geprägt: "Mein Sohn und ich kennen mehr kroatische Lieder als deutsche. Jure hatte für alles 'n Lied", sagt Frau Tomic zur Kommissarin. Andererseits flogen auch mal die Schraubenschlüssel. Und Ruben hat offenbar nie ein freundliches Wort vom Vater gehört.

Die Verkündung

Mit dem Erscheinen einer höheren Instanz nimmt der Krankheits- und Handlungsverlauf Tempo auf: Ein imaginärer Nachrichtensprecher kommentiert und diktiert für Sylvia das weitere Geschehen. Diese schien schon früh zu spüren, dass etwas mit ihr passieren würde und hatte zu Inga Lürsen gesagt: "Meine Zunge ist aus Stein, wenn das richtig losgeht hier mit mir. Würden Sie dann bitte kämpfen?" Nachdem sie die wirren Geschichten aus ihrem Kopf unaufhaltsam auf einer Tischplatte niedergeschrieben hat, schafft die Kommissarin es tatsächlich, den in der griechischen Mythologie verborgenen Tathergang auf magische Weise zu entschlüsseln. Wohl nicht ohne Grund war auch die Figur der Inga Lürsen in diesem "Tatort" ein wenig "verstrahlt" angelegt.

Ist doch klar, oder? Und Myrmidonen benenn' ich das Volk, zu bezeichnen den Ursprung. Kund ist dir die Gestalt; von früher das emsige Wesen / Haben sie noch, ein karges Geschlecht, ausdauernd in Arbeit, Sparsam mit dem Erwerb und wohl das Erworbene wahrend. (Ovid, Metamorphosen)