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"Tatort"-Kritik: Amoklauf im Treppenhaus

Ein Nachbarschaftsstreit, der in einer Geiselnahme eskaliert, ein Laubbläser, der erschossen wird: Eigentlich stand der Täter von Anfang an fest, doch wie so oft beim Frankfurter "Tatort"-Duo Sänger/Dellwo entsteht ein total abgedrehter Psychothriller.

Von Kathrin Buchner

Ein Hausmeister ist beim Einsaugen von Laub erschossen worden. Dieser Laubbläser macht einen ohrenbetäubenden Lärm, der einen schon zur Weißglut bringen kann. Die Vorstellung, dass jemand deswegen tötet, ist irgendwie nachvollziehbar, wenn auch sehr krank. Der potentielle Täter hat seinen Nachbarn als Geisel genommen und flüchtet im Geländewagen, Ziel unbekannt. Erste Recherchen ergeben, der erst kürzlich von Frau und Kindern verlassene Berufssoldat könnte ein Amokläufer sein.

Von Anfang an herrscht atemlose Bewegung bei dem Frankfurter "Tatort" mit dem viel versprechenden Titel "Der Tag des Jägers". Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) läuft mit Stöcken durch den Wald, Beamte des Sondereinsatzkommando stürmen das Mietshaus, in dem der Geiselnehmer Markus Paulus (Stephan Kampwirth) wohnt, Kommissar Dellwo (Jörg Schüttauf) und der Polizeichef rennen den schwer bewaffneten Polizisten hinterher, ein neunmalkluger Assistent düst mit dem Porsche über die Autobahn.

Als Zuschauer ist man erst mal verwirrt und vollauf beschäftigt, den Anschluss nicht zu verpassen. Das hält einen zumindest davon ab, umzuschalten. Und das ist auch gut so, sonst hätte man etwas verpasst. Denn das anfangs heillose Chaos in der Einsatzzentrale mit Kompetenzgerangel zwischen Staatsanwalt und Kommissar entwickelt sich anhand von Rückblenden zu einem fein gesponnenen Psychothriller über unerfüllte Wünsche, unterdrückte Triebe und verpatzte Lebensentwürfe.

Kammerstück in Action-Gewand

Der Kern der Geschichte ist eigentlich ein Stück, das auf kleinster Bühne gespielt werden könnte: Es gibt drei Hauptdarsteller - das kinderlose Ehepaar, dass sich jahrelang vom Lärm der Nachbarskinder terrorisiert fühlt, und der verlassene Familienvater, der plötzlich mit Jahrgangschampagner vor der Tür steht, um den Dauerstreit im Mietshaus zu begraben. Doch die Versöhnungsabsicht scheint vorgetäuscht, das provozierende Auftreten von Paulus bringt die vernachlässigte Ehefrau an den Rand eines Nervenzusammenbruchs und lässt beim Ehemann die Sicherungen durchknallen und den Finger am Abzug ziehen.

Verwackelte Handkamera-Bild im Stil von "24"

Reizvoll wird der Film vor allem durch die Dramaturgie der Geiselnahme: Wie in einem amerikanischen Thriller hängen in der Einsatzzentrale riesige Videoleinwände, auf denen jedes Zucken in den Gesichtern der Zeugen zu sehen ist, Hubschrauber übermitteln per Satellit Bilder von der Fahndung, so dass man dem Kidnapper live in die Augen sieht. Bewegte Handkameras liefern verwackelte Bilder im Stil der US-Serie "24". Die Ermittler werfen sich Worte wie "Amoklauf" oder "Homicide Suicide" an den Kopf. Ein Profiler analysiert jedes Wort der abtrünnigen Ehefrau auf der Suche nach dem Motiv und den nächsten Schritten des Täters.

Während hektisch Streifenwagen von einem Ort an den anderen geschickt werden, entsteht in bedrückend-ruhigen Bildern aus unterschiedlichen Perspektiven montiert die wahre Geschichte dieser verhängnisvollen Nachbarschafts-Sause. Der Paulus entpuppt sich als wahrer Saulus, der mit perfidem Verbalterror seine Nachbarn so zum Wahnsinn getrieben hat, dass lediglich das Aufheulen eines Laubsaugers genug war um den finalen Schuss auszulösen. Am Ende fragt man sich nur, wer eigentlich kaputter ist, der, der tatsächlich abgedrückt hat, oder der, der ihn so weit gebracht hat. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Sicht des Betrachters.