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Debütalbum "Treppenhaus" Rapper Apache 207: "Der Gangster, der ab und an sein Tanzbein schwingt"

Rapper Apache 207
Rapper Apache 207
© Jazz Archiv / Rainer Merkel / Picture Alliance
Innerhalb weniger Monate hat sich Apache 207 vom Newcomer zu einem der erfolgreichsten Rapper Deutschlands gemausert. Am Freitag erscheint sein Debütalbum "Treppenhaus". Kein Meisterwerk – im Gegensatz zum Künstler selbst.

Ludwigshafen am Rhein im Jahr 2009. Ein kleiner Junge geht mit seiner Mutter nach dem Wocheneinkauf nach Hause. In seinen Händen hält er ein Nutella-Glas. Er trägt es wie eine Trophäe, so stolz ist er darauf. Endlich hatte seine Mutter ihm seinen Wunsch erfüllt. Eigentlich konnte sie sich das gar nicht leisten, aber sie konnte ihrem Sohn auch keinen Wunsch abschlagen. Deshalb lieh sie sich drei Euro bei der Nachbarin, nur damit ihr Filius endlich sein Nutella bekommt.

Doch dann ist der kleine Junge für einen Moment unaufmerksam. Das Glas rutscht ihm aus den Händen. Es fällt auf den Boden und zerbricht. Die Mutter versucht noch verzweifelt zu retten, was nicht zu retten ist. Der Sohn steht apathisch daneben, als im selben Augenblick ein Mercedes SL 500 Cabrio vorbeifährt. Da schwört der kleine Junge sich: Wenn er groß ist, kauft er seiner Mutter und sich diesen Wagen. Zehn Jahre später hat sich der Junge von damals seinen Traum erfüllt. Fast inbrünstig posiert er Kaffee trinkend mit Hemd in der Hose und Kippe in der Hand neben jenem Sportwagen für ein Foto, das er im August des vergangenen Jahres wie jene Geschichte auf seinem Instagram-Account teilt. Dort folgen ihm inzwischen mehr als 1,5 Millionen Menschen. Denn der Junge von damals, der sich nichts sehnlicher als Nutella wünschte, ist gerade einer der angesagtesten Rapper Deutschlands: Apache 207.

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An diesem Freitag erscheint sein Debütalbum "Treppenhaus". Bereits jetzt ist klar: Es wird eines der meist gestreamten Alben des Jahres sein. Apache 207 ist seit Monaten Dauergast in den deutschen Single-Charts. Drei der vier vorab veröffentlichten Songs des Albums belegten Platz eins. Sein Lied "Roller" erreichte vor wenigen Tagen Diamant-Status (eine Auszeichnung, die ein Künstler für eine Million verkaufte Einheiten bekommt). Dennoch bleibt er selbst ein Mysterium. So gut wie nichts ist über ihn bekannt. Und trotzdem mauserte er sich innerhalb eines Jahres vom Newcomer zu einem der erfolgreichsten Rapper des Landes. Wie gelang ihm dieser schnelle Aufstieg?

Aufgewachsen in einer Hochhaussiedlung in Ludwigshafen 

Er spricht mit niemanden, dieser Zwei-Meter-Riese mit seinen pechschwarzen schulterlangen Haaren, die wahrscheinlich so wunderschön im Wind der Prärie wehen würden. Apache gibt keine Interviews – noch nicht einmal den Hip-Hop-Medien. Wer mehr über ihn erfahren will, der muss seinen Worten lauschen. Seine Musik hören. Dort erzählt er von sich und seiner Kindheit in Ludwigshafen/Mannheim.

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Seine Mutter musste ihn offenbar allein großziehen, wie er in seinem Song "Fame" zu verstehen gibt: Nach zweiundzwanzig Jahren hab ich verstanden, mein Vater wollt nicht nur kurz Kippen holen. Deshalb muss er nun auch auf seine kleine Schwester aufpassen: Es wird langsam wieder Abend / Leg meine kleine Schwester schlafen. Nein, das Leben in der Sozialbausiedlung ist kein Zuckerschlecken: Sind unsre Blöcke viel zu hoch, wir können es nicht genießen / Nicht mal die Sonne schafft es hier rein.

Es ist die charakteristische Cinderella-Story des Hip-Hop, die Bushido bereits Anfang der 2000er-Jahre manifestierte: vom Bordstein bis zur Skyline – von ganz unten nach ganz oben. Ein Alleinstellungsmerkmal Apaches ist es nicht. Auch textlich unterscheidet er sich nicht vom Gros der anderen Deutschrapper.

Materialismus, Eitelkeiten, Macho-Gehabe – die typischen Rap-Themen finden sich auch in seinen Liedern, wobei er in "Bläulich" durchblicken lässt, dass Akzeptanz und Respekt sein eigentlicher Antrieb sind: 30k an mei'm Arm, während ich Jägi-Cola trink’ / So lange nachgedacht "Soll ich sie kaufen oder nicht?" / Auch wenn das eigentlich ganz klar gegen meinen Kodex ist / Anders verschaffst du dir keinen Respekt bei dieser Oberschicht. Darüber hinaus scheint er sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen: Apache, der Gangster / Der ab und an sein Tanzbein schwingt, rappt er in einem seiner ersten Songs "Kein Problem".

Apaches X-Faktor, der ihn aus der Masse der immer gleich klingenden Rap-Songs herausstechen lässt, ist sein unverwechselbarer Sound. Er rappt nicht mit Auto-Tune (eine Software für Tonhöhenkorrektur) über die inflationär genutzten Afro-Trap-Beats. Stattdessen nutzt er die Vielseitigkeit seiner Stimme. In seinen Liedern wechselt er immer wieder zwischen Gesang, Rap und Sprechgesang. Besonders in seinem eher melancholisch daherkommenden Song "Matrix" sticht das heraus – ohnehin der vielleicht stärkste Song des Albums.

"Bei Apache 207 handelt es um ein stimmiges Gesamtprodukt"

Im Refrain singt er darin fast schon philosophisch anmutend: Der eine wollt nur bisschen und bekam nichts / Der andre hat doch alles und beklagt sich / Wir sind dieser Fehler in der Matrix. Unvergessen dabei: Sein erster und bislang einziger Auftritt im Fernsehen, als er während der Performance des Songs bei "Late Night Berlin" seine schwarze Lederweste auszieht – und mit dem Aufdruck "Pray for Hanau" den Opfern des Anschlags gedenkt. Ein starkes Statement.Groß politisch zeigt sich Apache auf "Treppenhaus" nicht. Vielmehr bleibt er sich und seinem Sound treu. Das Album variiert zwischen Club-Hits, die phasenweise an die Italo-Disco-Beats der 1980er-Jahre erinnern, melancholisch nachdenklichen Liedern wie "Matrix" oder R’n’B-geprägten Tracks wie "Unterwegs".

Dabei erfindet er das Rad nicht neu, aber er dekoriert es schöner als viele andere Künstler. Sowieso ist es nicht allein die Musik, die Apaches Erfolg begründet. Es ist das Gesamtbild, was ihn so besonders macht. Da ist diese Ambivalenz zwischen seiner Statur und diesem unkonventionellen Style für einen Rapper: Er trägt stets das Oberteil in der Hose und hat diese schulterlangen Haare. Nicht zuletzt umgibt ihn etwas Mystisches, auch weil er mit keinem Medium spricht, sondern nur über die sozialen Netzwerke oder seine Musik kommuniziert. Er bleibt dadurch geheimnisvoll.

Wie schrieb es stern-Autor Tim Sohr so schön? "Bei Apache 207 handelt es um ein stimmiges Gesamtprodukt. (…) Der Rapper genau weiß, wie er maximale Aufmerksamkeit generiert." Sein Album mag deshalb kein Meisterwerk sein, das Gesamtwerk Künstler und Musik kommt dem dagegen schon ziemlich nah. 


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