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Soundtrack des Jahrzehnts: 10 Jahre The xx: Dieses Album hat eine ganze Millennial-Generation beeinflusst

Vor zehn Jahren veröffentlichten The xx ihr Debütalbum "xx" und brachten damit die Gemütslage ihrer Generation auf den Punkt. Der enorme Einfluss des Albums lässt sich erst heute so richtig nachvollziehen.

The xx

Zwei Drittel von The xx: Romy Madley Croft und Oliver Sim bei einem Konzert in der Brixton Academy zu London im Jahr 2012

Picture Alliance

Die einflussreichen Alben der Musikgeschichte vermitteln immer auch eine ganz spezielle Stimmung. Eine Stimmung, die sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung entweder andeutet oder bereits vorherrscht. Die auch die kommenden Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahre andauert und somit die Gemütslage einer ganzen Generation definiert. Und mit der sich dementsprechend viele Hörer identifizieren.

The xx bringen diese Stimmung auf ihrem Debütalbum "xx" spätestens mit dem zweiten Track auf den Punkt: In "VCR" geht es darum, sich auf sein Zimmer zurückzuziehen und den Wahnsinn der Welt einfach auszuschließen, und diesen Reflex kannten die Vertreter der Generation Y, die damals in ihren Zwanzigern waren, nur zu gut. Sie suchten Intimität, sie wollten den Rückzug ins Wesentliche und die Beschränkung auf den engsten Kreis, sowohl innerlich als auch äußerlich, und sie fanden all das in der Musik von The xx.

The xx: Irgendetwas stimmt hier nicht

"xx" erschien auf den Tag genau heute vor zehn Jahren, am 14. August 2009. Es war eine Zeit des Übergangs. Die Finanzkrise wirkte nach und die Generation Praktikum fand auf dem Arbeitsmarkt immer seltener Jobs, die zudem immer schlechter bezahlt wurden.

Vielen jungen Menschen wurde dieser Abwärtstrend in jenen Tagen erstmals bewusst, ihnen wurde klar: Irgendetwas stimmt hier nicht. Die bittere Erkenntnis, die sich anbahnte: Zum ersten Mal nach Jahrzehnten würde es einer Generation schlechter gehen als ihren Eltern. Die hedonistischen Indierock-Hymnen der vorangegangenen Jahre, ob von den Strokes oder den Libertines oder den Arctic Monkeys, ob von den Klaxons oder von MGMT, passten plötzlich nicht mehr in die Zeit. Leise war das neue Laut. Die Party war vorbei.

Also schlossen sich die Kids ein, guckten Videos und hörten traurige Songs – die Songs von "xx", die davon erzählten, wie sich die Kids einschlossen, Videos guckten und traurige Songs hörten. Geschrieben von den 19-jährigen Mitgliedern einer Band, die sich ein bisschen von The Cure und ein bisschen von Aaliyah abschauten, die mit minimalen Klängen maximale Emotion auslösten.

Das Album geriet zum sogenannten Grower: Es wuchs langsam, beinahe beiläufig, genau wie diese Lieder, die ebenso gut als Hintergrundmusik funktionierten wie sie sich auch mit voller Konzentration auf Kleinigkeiten hören ließen. Für melancholische Clubgänger und "Intro"-Leser wurde "xx" zur Lieblingsplatte jenen Jahres, alle anderen wurden erst im Laufe der Zeit aufmerksam.

Denn bei aller Reduzierung ihres Sounds, von der britischen Musikpresse auch als "Millennial-Blues" bezeichnet, konnten The xx nicht verbergen, dass sie hier mehr als eine Handvoll großer Melodien in weniger als 40 Minuten Spielzeit gepackt hatten. Das blieb weder Rihanna, die das Sample von "Intro" schon bald für ihren Song "Drunk on Love" verwenden sollte, noch Shakira, die immer mal wieder eine grenzwertige Coverversion von "Islands" zur Aufführung brachte, verborgen, und erst recht nicht jenen DJs, die neue Hymnen für die Beschallung des nächstbesten Fußballstadions suchten.

"xx" inspirierte unzählige Nachahmer

Die Allgegenwärtigkeit der Songs und Sounds von "xx" ist ein weiteres Merkmal der Bedeutung, die dieses Album für das folgende Jahrzehnt erlangen sollte. Dieser ganz eigene Ansatz von The xx, diese Formel, die mit einer Mischung aus R&B und Post-Punk eben nur unzureichend beschrieben wäre, setzte den Ton, der schon bald unzählige Nachahmer inspirierte:  Lorde oder London Grammar, James Blake oder Lana del Rey, Alt-J oder FKA Twigs – sie alle wären ohne "xx" nur schwer vorstellbar

The xx selbst haben seither noch zwei Alben veröffentlicht, auf "I See You" von 2017 klangen die alten Partybremsen sogar streckenweise gutgelaunt. Aber was hat sich sonst geändert? Nicht viel, gefühlt stimmt sogar noch viel weniger als damals – vom Rechtsruck bis zum Klimawandel.

Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Kids schließen den Wahnsinn dieser Welt nicht mehr aus, weil sie wissen, dass es auf langer Strecke nichts ändert, wenn sie nur auf dem Zimmer hocken und traurige Songs hören. Stattdessen gehen sie jeden Freitag auf die Straße, für die Zukunft. Sie wollen es besser machen. Was genau? Am liebsten alles. Zum ersten Mal seit 2009 passt "xx" also nicht mehr so richtig zur Stimmung. Aber ein treffenderes Album hat seitdem einfach niemand mehr geschrieben.