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"Lang lebe der Tod": Soundtrack für die Angst in uns allen: Warum Caspers neues Album so wichtig ist

Dem HipHop-Musiker Casper ist mit seinem neuen Album "Lang lebe der Tod" nicht nur eine gewaltige Geräuschwand gelungen. Er verordnet sich in zehn düsteren Stücken auch eine Seelentherapie, in der sich nicht nur seine treuen Fans wiederfinden.

Casper

Alle Scheinwerfer auf Casper: "Lang lebe der Tod" ist schon jetzt eines der wichtigsten deutschen Alben des Jahres

Eigentlich sucht Casper nur seinen Frieden inmitten der ganzen Falschheit unserer Zeit. Nach dem bisschen Wahrheit zwischen all den Lügen. Nach irgendeiner Form der Befreiung von dem Wahnsinn, der ihn umgibt und gegen den er anschreit mit dieser Stimme, die noch immer klingt, als hätte er dreißig Reißzwecken zum Frühstück gehabt. Aus der Angst generiert der 34-Jährige einen Trotz, der "Lang lebe der Tod" zum Triumph werden lässt. Weil seine Angst auch unsere ist und weil er ihr einen so störrischen wie überwältigenden Soundtrack liefert.

Schon vor über einem Jahr hatte der Rapper bereits den Titeltrack in die Manege geschickt, einen so hymnischen wie horrorhaften Abgesang auf unsere Reality-TV-Kultur. Und obwohl er mit dem starken Stück die Neugier auf sein erstes Album seit 2013 heftig schürte, stellte er anschließend alles auf Null, verschob die Veröffentlichung bis auf weiteres. "Es ist schlichtweg noch nicht da, wo es meiner Meinung nach sein sollte", ließ er die verständnisvolle Fangemeinde über die sozialen Medien wissen. "Es braucht noch ein bisschen Arbeit, ein bisschen Liebe."

Casper: Das ganze Album eine dynamische Dystopie

Ziemlich genau zwölf Monate später ist die Welt noch ein bisschen wilder und unzurechnungsfähiger geworden, und Casper ist endlich gewillt, ihr seinen Finger in Form dieser Platte zu zeigen. Wir wissen nicht, wie anders "Lang lebe der Tod" im September 2016 geklungen hätte. Aber Attacken gegen Verschwörungstheoretiker, gegen die rechte Szene oder die Willkür der Mächtigen könnten zu Beginn dieses Herbstes nicht aktueller klingen.

Das ganze Album ist eine dynamische Dystopie, musikalisch dabei sogar noch weiter von herkömmlichen HipHop-Sounds entfernt als "Hinterland", der gitarrenlastige Vorgänger. Casper türmt eine gewaltige Geräuschwand auf, die Musik droht und dröhnt. Die Referenzen reichen von Type O Negative über Muff Potter bis zu den Editors, für die Verneigung vor den Einstürzenden Neubauten konnte sogar Blixa Bargeld höchstpersönlich als Gastsänger gewonnen werden. Auch textlich streift Casper einmal quer durchs nihilistische Kapitel des Popkultur-Lexikons - von Orwells "1984" bis "21 Gramm" (dem angeblichen Gewicht der Seele und gleichnamigen Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu) kommen die Zitate so düster wie dringlich daher.

Seine ersten drei Platten ("Hin zur Sonne"/"XOXO"/"Hinterland") würden eine "Coming-of-Age"-Trilogie bilden, hat Casper gesagt. Umso bemerkenswerter, dass "Lang lebe der Tod" erstmals weit über die Biografie des Künstlers hinausreicht, obwohl es so offensichtlich auch als Seelentherapie für ihn funktioniert und nicht persönlicher formuliert sein könnte (es gibt zum Beispiel keinen deutschen Song, der Depressionen treffender verhandelt als "Deborah"); dass eine Platte, deren Entstehung offenbar viel Kraft gekostet hat, so stimmig klingt; dass ein Konzeptalbum über Angst und Tod so viel Kraft und Mut macht.

Auch dem größten Glück wohnt die Angst inne

Am Ende findet Casper ein bisschen Wahrheit in der Liebe, ausgerechnet. Andererseits: wo sonst? "Flackern, flimmern" ist der (vergleichsweise) versöhnliche Abschluss für diese unversöhnliche Ansage von einem Album. Aber wie der Titel des Songs schon andeutet: Es ist bloß ein Gefühl, das flackert und flimmert. Es könnte vergänglich sein. Auch dem größten Glück wohnt in diesen Tagen die Angst inne. Keine Spur von Befreiung. Könnte man ihn doch ausblenden, diesen verdammten bangen Blick in die Zukunft.

Keine Frage, seinen Frieden hat Casper noch nicht gefunden. Unser Glück, dass seine Suche danach so viel Trost spendet.

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