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Interview

Neues Album: Fynn Kliemann veröffentlicht zweites Album: "Was heißt schon Pop? Capital Bra ist doch auch Pop"

Mit seinem Debütalbum "Nie" landete Fynn Kliemann vor zwei Jahren in den Charts. Jetzt meldet er sich musikalisch zurück. Im Interview spricht er über das veraltete System Plattenindustrie, ein gescheitertes Bratwurst-Projekt und die soziale Idee hinter dem neuen Album "Pop".


Fynn Kliemann

Zwischen Treckern, Baggern, Antiquitäten und dem Mikrofon: Fynn Kliemann macht einfach alles, worauf er Bock hat

Picture Alliance

Fynn, du bist hauptsächlich bekannt als schusseliger Handwerker, der seine Missgeschicke auf Youtube präsentiert. Jetzt stehst du mit dem zweiten Album "Pop" in den Startlöchern. Wie kam es dazu?

Vor knapp einem Jahr habe ich wieder angefangen, ein bisschen herumzutüdeln und ein paar Beats zu produzieren. Irgendwann waren Sachen dabei, wo ich dachte: 'Gott, wäre doch schade, das nicht herauszubringen.' Am Ende ist es immer wieder das Gleiche: Erst fällst du in ein richtig tiefes Loch und bist sicher, nie wieder ein Album herauszubringen, weil das alles so anstrengend war. Genau so schnell vergisst du das aber auch wieder – und so war es bei mir auch. Ich hatte wieder Bock, also hab ich es einfach gemacht.

Wann findest du neben deinen Heimwerker-Videos, dem Job in deiner Werbeagentur und deinem Privatleben noch die Zeit, ein Album zu produzieren?

Nachts. Ich mache das hauptsächlich, um runterzukommen. Dann gehe ich hoch ins Studio und bastele noch ein paar Stündchen. Manchmal ist es ganz schnell vorbei, wenn gar nichts kommt. Manchmal sitze ich dort aber auch ganz lange. Dann penne ich eine Stunde und fahre wieder zur Arbeit. 

Worum geht es in "Pop"?

Auf jeden Fall nicht ums Thema Rolex. Eher um Sachen, die man mal sagen muss. Das, was mich in dem letzten Jahr ganz intensiv beschäftigt hat: viele Selbstzweifel und Ängste, aber auch Veränderungen in bestimmte Richtungen und ein bisschen Selbstreflexion. Klingt jetzt extrem langweilig, weil das jeder Künstler über seine Platte erzählt. Aber ich glaube: Wenn du einen guten Tag hast, dann hast du Positives zu erzählen, oder du hast einen richtig beschissenen Tag – und dann wird der Song auch dementsprechend. Über dem Album steht also keine Headline. 

Du möchtest mit den Einnahmen deiner Platte anderen helfen. Was genau ist der Plan?

Ganz oft wird frische Musik dadurch behindert, dass alte Männer irgendwo in einem großen Stuhl sitzen und entscheiden, wer das nächste Pop-Wunder wird. Wenn die dich nicht mögen, hast du keine Chance, Musik zu machen. Das ist der altertümliche Gedanke. Den habe ich ja nun schon ein bisschen gebrochen, in dem ich alles selbst produziert habe und jetzt dachte ich, hey, warum nicht eine Plattform schaffen. Also wird nun von jedem verkauften Musikprodukt – CD, Vinyl und Box – jeweils ein Euro auf ein Konto gezahlt. Alle Leute, die das Album gekauft haben, können dann auf der Webseite für einen Newcomer voten, der das Geld für die Produktion seiner eigenen Platte bekommt. Andere Künstler sollen die Möglichkeit bekommen, Alben zu produzieren. 

Hast du selbst auch Angebote von alten Männern in großen Stühlen bekommen?

Klar, aber darauf habe ich keinen Bock. Ich hatte ein Angebot für einen Plattenvertrag, den ich Ewigkeiten ausgearbeitet habe. Schließlich habe ich mir irgendwann gedacht, dass das eine doofe Idee ist. Ich wäre dann an jemanden gebunden, mit dem ich dann ganz viele Alben machen muss. Außerdem verwalten die dein Marketingbudget, geben es für dich aus und fordern es nachträglich von dir zurück. Das System der Plattenindustrie ist seit Jahren veraltet. Einfach nicht mehr zeitgemäß. Ich glaube, dass viele Künstler einfach nur die Möglichkeit brauchen, mit den richtigen Menschen in Kontakt zu kommen. Ein bisschen Kohle für die Produktion von der eigenen Musik, und darüber hinaus braucht man eigentlich gar nicht so viel. Ich glaube, ein Plattenvertrag ist auch nicht mehr so heiß, wie man immer dachte. Richtig viele backen sich darauf ein gigantisches Ei und freuen sich des Todes. Ich habe dagegen immer direkt so eine Leine im Kopf, die einem eigentlich freien Künstler umgelegt wird, der dann an dieser Leine durch das Leben und in die Richtung geht, in die er gerissen wird. Ein ganz unangenehmes Bild. 

Das Album heißt "Pop" – ist der Name Programm?

Ich glaube schon, dass es Pop ist. Daher auch der Titel. Das Ding ist: Ich höre fast nur Rap und Hip-Hop. Ganz viel Boom-Bap-Zeug und ganz viel Untergrund-Zeug. Da würde ich am liebsten auch mitmachen, weil es das ist, was ich am coolsten finde. Aber immer, wenn ich Mucke oder irgendetwas anderes mache, das ich wirklich ernst meine, wird das automatisch irgendwie poppig. Dagegen habe ich mich lange gewehrt und jetzt denke ich: Das ist jetzt halt so. Dann schreibe ich auch 'Pop' darüber. Was heißt schon Pop? Capital Bra ist doch auch Pop. 

Deine musikalischen Einflüsse kommen aus dem Hip-Hop?

Ich höre auch extrem viel elektronische Musik und Hip-Hop, auch deutschsprachigen Hip-Hop – viel Zeug, das keine Sau kennt. Ich bin jetzt nicht in der Modus-Mio-Playlist bei Spotify unterwegs. Das ist viel inhaltsleeres Zeug, mit dem ich wenig anfangen kann. Aber es gibt extrem viele gute Rapper da draußen, die unglaublich geil Geschichten erzählen können.

Neben der Musik bastelst du im Kliemannsland, arbeitest in deiner Agentur und bist permanent bei Instagram präsent. Woher nimmst du die Energie für all das? 

Bei Instagram poste ich nichts, wenn ich mich nicht danach fühle. Es passiert einfach viel und das befeuert mich jeden Tag. Es gibt so viele Sachen, die um mich herum passieren. Ich habe ja mittlerweile auch mehrere Teams und Menschen um mich herum, die an coolen Ideen weiterarbeiten und mich unterstützen. Früher hatte ich garantiert mal ADHS. Jetzt habe ich das halt einfach smart in Bahnen gelenkt. 

Welche Deiner vielen Leidenschaften macht Dir am meisten Spaß?

Mucke ist das, was mir am wichtigsten ist. Ich schweiße auch gern und fahre mit irgendwelchen Baggern durch die Gegend. Und ich krame total gern auf Dachböden herum, suche Antiquitäten, bereite sie auf und verticke sie wieder. Das macht einfach Laune. Aber was mir wirklich etwas bedeutet, ist die Musik. Sie ist das einzige, bei dem ich denke: Das darf jetzt echt nicht kacke werden. 

Nun hast Du beinahe alle Deine Hobbys zum Beruf gemacht. Hattest Du auch mal einen klassischen Berufswunsch?

Ich hatte nie einen richtigen Plan. Ich war mal für einige Zeit mit meiner Freundin in England und wollte da ein Bratwurst-Imperium aufbauen. Das hat aber alles irgendwie nicht hingehauen. Dann habe ich zur Überbrückung eine Ausbildung bei einer Agentur angefangen. Danach wollte ich zurück nach England, um die Bratwurstbude aufzumachen. Während der Ausbildung habe ich mich aber voll für das Internet begeistert – sogar für Werbung und wie man den Firmen helfen kann, ihre Botschaft gut zu kommunizieren. Und so kam irgendwie eins zum anderen.

Hast Du eine Leidenschaft, die in Dir brodelt und noch ausbrechen will?

Ich habe mich in den letzten Monaten viel mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt. Ich finde Malen sehr geil, Graffiti und so. Im Kliemannsland hängen auch viele Leute herum, die malen und das bewundere ich extrem. Leider habe ich echt überhaupt gar kein Talent. Deshalb überlege ich mir alternative Ansätze, wie ich künstlerisch aktiv sein kann, ohne zu einem der Meister zu gehören.

Auf was können sich Deine Fans, Follower und Co. in diesem Jahr freuen?

Ich mache mit Olli Schulz gerade dieses Hausboot-Ding. Das wird irgendwann im Sommer fertig. Da kann man Musik machen, wir bauen dort ein Studio. Das Boot liegt in Hamburg-Harburg. Außerdem will ich Hallen bauen und Antiquitäten verkaufen. Mein Terminkalender platzt. Das Kliemannsland wird komplett umstrukturiert. Das alles passiert 2020. Es wird ein spannendes Jahr. 

Hast Du für 2020 auch Konzerte geplant?

Nee, das ist überhaupt nicht meine Welt. Gegen Live-Auftritte wehre ich mich seit dem ersten Tag. Ich habe richtig Angst davor. Ich habe das Gefühl: Das kostet so viel Zeit, die ich sowieso nicht habe. Und dann mache ich mir fast in die Hose, bevor ich auf die Bühne muss. Ich habe das früher ein paar mal gemacht, als ich in einer Gitarrenband gesungen habe. Live spielen kann ich einfach nicht, das macht mich fertig. Ich kann vor unendlich vielen Menschen problemlos komplett frei sprechen – überhaupt kein Problem. Aber mit irgendeinem Instrument vorne zu stehen und dafür bezahlt zu werden, dass ich lustige Lieder spiele – das kann ich nicht. Ganz viele Leute, wie Olli Schulz und Clueso haben immer gesagt: "Es ist das Allergeilste auf der Welt, auf der Bühne zu stehen. Du lebst dafür." Aber ich glaube, ich bin einfach nicht dafür gemacht. Das ist eine Sache, die ich echt nicht kann. 

Das Album erscheint am 29. Mai. Wird es vorher schon Kostproben geben?

Klar. Wir haben noch drei oder vier Singles. Am Freitag kommt eine heraus. Dazu gibt es dann auch eine kleine Überraschung. Mehr verrate ich nicht.