HOME

Der "Heimwerkerking": Fynn Kliemann: Der Youtuber, der sich einen "kleinen Staat" im Nirgendwo gebaut hat

Der Youtuber Fynn Kliemann kaufte einen Hof und nannte ihn Kliemannsland. Das wollen plötzlich Tausende mitgestalten. Zu Besuch im angesagtesten Kaff Deutschlands.

Von Johan Dehoust

Ein wahr gewordener Kleinejungstraum: Fynn Kliemann schippert über seinen selbst ausgebaggerten Teich

Ein wahr gewordener Kleinejungstraum: Fynn Kliemann schippert über seinen selbst ausgebaggerten Teich

Wie NEON berichtete, wurde in Hamburg das Hausboot des verstorbenen Schlagersängers Gunter Gabriel verkauft. Einer der beiden neuen Eigentümer: Youtuber Fynn Kliemann. Wir haben den "Heimwerkerking" schon Ende des vergangenen Jahres in seinem Kliemannsland besucht. Unsere Reportage, erstmals erschienen in NEON-Ausgabe 12/2017, zum Nachlesen:


Fynn Kliemann sitzt im Kapuzenpulli vor dem alten Gasthaus in Rüspel, einem 248-Seelen-Dorf, und sagt, dass sein Projekt viele Leute glücklich machen werde. Ja, das Kliemannsland werde gar die Welt verbessern. Gegenüber die freiwillige Feuerwehr, drum herum Maisfelder und schwarzbunte Rinder: Natürlich hält man ihn in diesem Moment für einen Größenwahnsinnigen.

Am Vorabend konnte man auf Facebook live verfolgen, wie in Rüspel etwa 100 Leute auf den ersten Jahrestag dieses Projekts anstießen. Durch die Luft flogen Seifenblasen, Girlanden, Luftballons, und mittendrin saß Fynn Kliemann fröhlich moderierend auf einer grünen Couch. Wie ein König, der Hof hält.

Das Kliemannsland ist zuerst einmal ein Gehöft in der Provinz, irgendwo zwischen Hamburg und Bremen. Fynn nennt es auf der Website einen "kleinen Staat" ein bisschen Größenwahn, wie gesagt, aber nicht ganz ohne Substanz. Tatsächlich haben sich bei ihm etwa 40.000 Leute online als "Bürger" registriert, um den Ort mitzugestalten. Es pilgern Menschen aus ganz Deutschland hierher, manche bleiben einen Tag, andere Wochen oder Monate.

Um die 600.000 Leute guckten sich aber auch einfach nur an, wie Fynn in einem Youtube-Clip namens "Mach deine Scheiße Tag 2017" seine Katze über dem Frühstückstisch schwenkt und ankündigt: "Wir ziehen alle an einem Strang und machen die Welt etwas heiler." Will sagen: Türen schmieren, Spritzschutz montieren, Dusche reparieren. Seine Anleitung "Mauer bauen": 1,4 Millionen Aufrufe.

Das Kliemannsland ist ein wahrgewordener Kindheitstraum für Fynn

Das Kliemannsland ist ein wahrgewordener Kindheitstraum für Fynn

Fynn Kliemann, der "Heimwerkerking"

Wer ist dieser 28-Jährige, der sich auf Youtube selbst den "Heimwerkerking" nennt? Wie passen Skaterlook und Baumarkt zusammen? Macht der nur Quatsch, oder baut er neben Teichen für Wakeboards und Terrarien wirklich eine Art Gesellschaftsutopie? Und warum wollen hier alle mitmachen? Ein sonniger Herbsttag und viele Fragen.

Das Gehöft, das Fynn einem Wirt abgekauft hat, ist typisch norddeutsch, etwas verwitterter vielleicht als die anderen in Rüspel. Ein Gelände von über drei Hektar, das backsteinerne Gasthaus, vor dem er sitzt, gehört dazu. Daneben ein Flachbau mit einem alten Tanzsaal, weiter hinten beherbergt eine grüne Heuscheune ein Studio, und ansonsten findet man alles, was man vom Land so erwartet: zwei ehemalige Pferdeställe, dazwischen eine stattliche Linde, Schuppen und eine Wiese.

Jetzt, einen Tag nach der Party, sieht es aus wie ein Festivalgelände in den letzten Atemzügen. Verkatert wirkende Gestalten schleppen leere Bierkisten und rollen Isomatten ein. Sie haben im eigenen Zelt geschlafen oder in einem der ausrangierten Wohnwagen, die Fynn wie viele andere Dinge geschenkt bekommen und zusammen mit anderen restauriert hat. Dauergäste essen meist in der großen Küche im Gasthaus, dem Herzen des Kliemannslands, wo man vor Hinweiszetteln die Kühlschränke kaum sieht. "Lebensmittel ohne Namen werden gegessen oder weggeworfen!" So banal kann Utopie sein. Die Kliemannsländer helfen beim Renovieren, Umbauen und Entrümpeln. Sie bauen Dixi-Klos und Außenduschen für die wachsende Gästezahl, legen Kräuterbeete an, schrauben ein Moped auseinander, schreiben mit der Band eigene Songs. Im Kleinen basteln sie an einer neuen Werkstatt und im Großen an einer Idee für ein gutes Zusammenleben.

Dass auch er erst um drei Uhr ins Bett gekommen ist und morgens vom Bett aus gearbeitet hat, ist Fynn mittags nicht mehr anzumerken: Er spricht so schnell, dass man ihm erst mal kaum folgen kann. Dabei hilft nicht, dass er während des Gesprächs immer wieder auf seinem Laptop herumtippt oder mit einem Zauberwürfel spielt. Oder plötzlich aufspringt und einen mit seinem BMX-Rad umkreist.

In der Werkstatt werden die vielen Ideen umgesetzt

In der Werkstatt werden die vielen Ideen umgesetzt

Aus genau diesem Bewegungsdrang heraus ist das Kliemannsland entstanden: Fynn wollte ein Gelände zum Austoben, für ihn und Fiete und Henning. Freunde, mit denen er sich früher ausgemalt hatte, wie geil es wäre, Mutti nicht um Erlaubnis fragen zu müssen, wenn sie mit dem Moped durch den Garten ballern wollten. Darüber hinaus war es aber auch von Anfang an als Filmkulisse gedacht, aber um das zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen.

Aufgewachsen bei Zeven

Aufgewachsen ist Fynn Kliemann keine zehn Kilometer von Rüspel entfernt, in Heeslingen, dem Dorf neben der Provinzstadt Zeven, wo er zur Schule ging. Ein Skaterjunge und Musikmacher mit zwei Brüdern, der ständig Neues ausprobieren wollte. Es gab nur so wenige Leute, mit denen er das ausleben konnte. Für die meisten drehte sich alles um den Fußballklub oder die freiwillige Feuerwehr. "Im Vereinsheim sitzen, Korn trinken und darüber quatschen, wie die Ente schmeckt, das war nie mein Ding", sagt er. Er habe immer weggewollt. In die Stadt, wo es leichter sei, Menschen zu treffen, die so tickten wie er, umso mehr, als nach der Schulzeit von den wenigen Gleichgesinnten immer mehr wegzogen. Nur bei ihm selbst kam es dann doch nie dazu.

Fynn pendelte nach Bremen, wo er eine Ausbildung zum Mediengestalter machte, irgendwann gab es den Plan, im englischen Brighton eine Bratwurstbude aufzumachen, der zerschlug sich aber. Stattdessen eröffnete er mit seinem Kumpel Flo eine Agentur, die Websites baut und eigentlich nur kurz in Zeven ansässig sein sollte, die Miete war halt günstig. Dann waren sie so erfolgreich, dass ein Umzug in die Stadt erst mal überflüssig erschien. Seine Sehnsucht, sich mit anderen kreativ auszutoben, die blieb.

Vor gut zwei Jahren kam der Moment, der sein Leben umkrempelte und ohne den Rüspel heute ein Dorf wäre wie jedes andere. Der Moment, in dem er aus einer Motorsense, der Halterung einer Satellitenschüssel und einem Handy eine Steadycam bastelte, eine schwenkbare Kamera. Er filmte sich beim Basteln und lud das Video bei Youtube hoch. Es war die Geburt von Fynn Kliemann, dem Heimwerkerking. Das Video wurde "hart oft geteilt", wie er sagt. Also machte er weiter. Filmte sich, wie er einen Hühnerstall baute, einen Couchtisch zimmerte oder einen Baum fällte. Liest man sich die Kommentare unter den Videos durch, entdeckt man bis heute nichts, aber auch gar nichts Gehässiges. Woran liegt das?

Am Dilettantismus zum einen. Fynn Kliemann stellt sich vor eine Kamera, behauptet, etwas nicht zu können, und geht es dann an. Dass es schief und krumm wird, er sich auf die Finger hämmert und stolpert egal. Wie Joko und Klaas spielt er mit dem Ekel, dem Brachialen, dem Sich-selbst-Bloßstellen. Er ist dabei nur etwas geerdeter und regionaler. Fynn schnoddert norddeutsch, "is dat was für mich?", wenn er sein Buch bewirbt, das den Titel "Öv Aeöv Eueij" trägt. Zusammen mit Lars Kelbert hat er "fast 21 völlig beknackte Kurzgeschichten" geschrieben, und zwar für "Nichtleser mit kurzem Geduldsfaden". Für ADHS-Kandidaten wie ihn.

Wo gehobelt wird ...

Wo gehobelt wird ...

Man kann kaum anders, als ihn zu bewundern für seine Unbekümmertheit, seine Neugier, seinen Tatendrang. Erst recht, wenn man in der Stadt lebt, mit 1000 Möglichkeiten, sich zu verwirklichen, und es einen dann doch in die Couch drückt. Ausgerechnet über das Internet schürt Fynn einen Hype ums Ärmelhochkrempeln und Sich-die-Hände-schmutzig-Machen.
Es dauerte nicht lange, bis Fynn Kliemann mit Anfragen überhäuft wurde, von Journalisten, Buchverlagen und von TV-Produktionsfirmen, die den lustigen Vogel aus dem Netz groß rausbringen würden. Die Konzepte waren schon geschrieben, sogar der Sendeplatz von "Circus Halli Galli" kam infrage. "Voll der Terror", erinnert sich Fynn: "Hatte ich gar keinen Bock drauf." Er will sein Geld weiterhin hauptsächlich mit der Agentur verdienen, seiner "Fessel am Boden", wie er sagt.

Immerhin finanzierte eine TV-Produktionsfirma aus Hannover die Hälfte des Kliemannslands. Wie viel der Hof gekostet hat, will Fynn nicht verraten. "Zahlen rücken das Projekt in ein falsches Licht", sagt er. Er habe es ja nicht gegründet, um reich zu werden. Donnerstags und freitags werden hier Youtube-Videos für "Funk" gedreht, das Programm von ARD und ZDF für Jugendliche, die nicht mehr linear fernsehen.

Halbtags im Agenturbüro

Bis heute sitzt Fynn halbtags in seinem Agenturbüro in Zeven, zehn Kilometer entfernt vom Kliemannsland, und wohnt auf halber Strecke in einem Haus, das er sich mit seiner Freundin gekauft hat. "Ich will das aufrechterhalten, falls die Welt plötzlich beschließt, mich scheiße zu finden." Aber er nutze die Aufmerksamkeit, um zu tun, wovon er schon immer träumte. Ein Buch schreiben und es selbst verlegen? Check. Ein Modelabel für Handwerkerklamotten gründen? Check. Sein eigenes Album produzieren und vertreiben? In Arbeit. Sich einen Freiraum kaufen und gestalten? Läuft wenn auch etwas anders als gedacht.
Was nämlich nicht geplant war: die vielen Leute. An die 2000 Mails erreichten ihn nach dem ersten Livestream aus dem Kliemannsland, erzählt er. Besonders viele von männlichen Städtern. Sie schrieben, dass sie gerne helfen würden, den Hof gemeinsam mit ihm zu gestalten. Also baute Fynn Kliemann die Plattform Fynnder auf, bei der sich 40.000 hoffnungsvolle Neubürger ein Profil angelegt haben.

Fynn beim Schweißen

Fynn beim Schweißen

Wer mitmachen darf, das bestimmen drei junge Frauen. Wenn etwa Wireless Access Points auf dem ehemaligen Acker eingerichtet werden, damit die Gäste WLAN haben, oder wenn der Dachboden entrümpelt werden soll, dann fragen Jana, Vanessa und Helen auf Fynnder, wer helfen kann. Außerdem sondieren sie jeden Tag über 50 Vorschläge für Projekte, die die Kliemannsländer gerne umsetzen würden. Gibt es ein Match, laden sie die Bewerber ein. Wer motiviert und nett wirkt (und nicht der Hundertste ist, der eine Motorcrossstrecke bauen will), darf kommen. Bei Fynn klingt das Auswahlverfahren etwas weniger straff organisiert: "Die einzige Währung, die hier zählt, ist die Lust, etwas anzupacken", sagt er. Es sei egal, woher man komme und wer man sei. Das sei der Spirit.

Heterogen ist die Gruppe jedenfalls, der man hier begegnet. Techniknerds treffen auf Ökos, Skater und Rollenspieler. Schlosser und Gärtner auf Abiturienten und Studenten. Hat man es hierher geschafft, findet man ein Freiluftlabor, in dem sich jeder ausprobieren darf, ohne sich erklären zu müssen.

Die Bürger entwerfen das Kliemannsland immer weiter, Stück für Stück. Am Nachmittag ertönt Klaviergeklimper aus dem Tanzsaal. Neben der Linde beugen sich zwei Gestalten über die Motorhaube eines Bullis. In einer Aktion entstanden die zwei Türme, die etwas verloren in der Landschaft stehen, wie Bausteine einer Burg. Warum man die wohl gebaut hat? "Weil wir es können", sagen die Jungs, die heute und auch sonst öfter auf dem Hof sind. Während sie im Gras sitzen, sprechen sie über ihre Pläne, demnächst auch einen Graben auszuheben und die Burgtürme mit einer Hängebrücke zu verbinden. Es hört sich an, wie wenn zwei kleine Jungs im Sandkasten das nächste große Ding planen.

Zwischen Gasthaus und Tanzsaal steht ein Bretterverschlag, in dem Gemüse aus dem Garten verkauft wird. Bald soll es ein eigenes Bier geben, das Kliemannsbräu. Und Wurst, die Kliemannsländer. Ach ja, und MC Fitti kommt bald vorbei zum Eismachen. Im Dezember findet ein Weihnachtsmarkt statt, klar. Das Kliemannsland wird zur Marke.

Überholt der Kommerz das Anfangsideal? Findet Fynn nicht. Es gehe nur darum, seine Investitionen irgendwann wieder reinzuholen. Das Geld, das die Filme einbringen, reiche dafür nicht. Dass sich das Kliemannsland zu einem ökonomisch denkenden Ort wandelt, ermögliche vor allem, dass immer mehr Gleichgesinnte dauerhaft zu ihm ziehen können. Leute, die den Hof bewirtschaften, sich um die Infrastruktur für die Gäste kümmern, die in Rüspel als Kellner oder Cutter arbeiten.
Fynn hat sogar eine, die den Absprung vom Land gemacht hat, überzeugt zurückzukommen: Zora Kipp, die neben ihm aufgewachsen ist, und nach ihrer Ausbildung zur Köchin zuletzt durch Peru reiste. Sie eröffnet demnächst ein eigenes Restaurant im Kliemannsland und moderiert eine Kochshow für "Funk".

Was sagen die Nachbarn?

Und was sagen die Rüspeler Nachbarn zu dem ganzen Rummel? Die alte Dame, die ihren Mann über den Gehweg schiebt, meint, der Stil der neuen Nachbarn sei nicht so sehr ihrer, sie möge es akkurater. Dass das Dorf sich erneuere, finde sie aber mehr als gut, auch wenn sie gar nicht genau wisse, was hinter dem Bretterzaun vor sich gehe. Irgendwas mit dem NDR und TV, aber sehen tue sie den Kliemann dort dann doch nie. "Keine Ahnung, wo das läuft." Fynn jedenfalls bemüht sich um den Austausch mit dem alten Rüspel. Anfangs lud er alle zu einem Grillfest ein, den Tanzsaal dürften sie weiter nutzen, erst neulich haben sie hier Erntedank gefeiert. Für den regelmäßigen Kontakt hat er sogar eine kleine Serie begonnen, die "Very Important Dorfbesuche" heißt.

In einem davon lässt er sich vom Bauern Peter erklären, wie eine künstliche Befruchtung funktioniert. Fynn selbst schiebt einer Kuh dafür seinen Arm in den Hintern, um ihren Uterus zu erspüren. Bei jemand anderem käme es vielleicht so rüber, als wolle sich hier einer über die Bauern lustig machen. Nicht bei Fynn, der immer noch der Junge von nebenan ist, einer von ihnen.
Wenn das Kliemannsland eine Gesellschaftsutopie ist, dann eine ganz beiläufige, in der ineinanderfließt, was sich andernorts ausschließt: Aussteigen und mitten in der Welt bleiben, digital leben und mit den Händen arbeiten, Tradition bewahren und offen bleiben, Beklopptes genauso wie Ernsthaftes ausprobieren. Man definiert sich hier nicht übers Dagegensein, gegen den Staat oder irgendeine Gruppe, sondern übers Dafürsein.

Hin und wieder hätte Fynn Kliemann Lust, sich in Hamburg einfach mal in eine Kneipe zu setzen und ein Bier zu trinken. Aber in die Stadt ziehen muss er heute nicht mehr. Was er dort suchte, ist schon zu ihm gekommen.

Schmerzhaftes Youtube-Experiment: Von dieser Wespe sollten Sie sich auf keinen Fall stechen lassen