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"Tatort"-Kritik: Das mordende Model

Eine Kommissarin, die fastet, ein Mager-Model, das Chips und Schokolade in sich stopft, und ein investigativer Journalist, der an einer Designerdroge im Nasenspray stirbt. Kurz vor der Silvester-Völlerei ging es im "Tatort" um Fettkiller-Pillen und Schlankheitswahn.

Von Kathrin Buchner

Das große Fressen, am liebsten ohne Folgen - Luxusproblem Nummer eins unserer modernen Gesellschaft. 55 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer in Deutschland seien übergewichtig, referiert Mario Kopper (Andreas Hoppe), Assistent von Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), in der "Tatort"-Folge "Fettkiller". Einen Tag vor der gigantischen Völlerei des Jahres, wenn die Silvesterbüffets vor Trüffeln, Muscheln, Filets und Sorbets überquellen, dreht sich im Ludwigshafener Krimi alles um manischen Schlankheitswahn und Fress-Attacken.

Optimales Timing also, das der Krimi-Königin Ulrike Folkerts wieder beste Quoten bescherte. Mit "Roter Tod", in der Odenthal die Angst vor einer HIV-Ansteckung quälte, hatte sie bereits im Januar den "Tatort"-Jahresrekord mit 9,12 Millionen Zuschauern gesetzt. Auch mit "Fettkiller" hängte sie die Konkurrenzsendungen mit 20 Prozent Marktanteil und 7,1 Millionen weit ab.

Die Geschichte ist geradlinig, spielt vor allem bei Fotoshootings in kalten Fabrikhallen und in einer Model-Wohnung, verirrt sich zeitweise in Versuchslabors und Hochglanz-Büros der Pharmaindustrie und ganz selten in eine Zeitungsredaktion. Ein Journalist wird tot in seinem Auto aufgefunden. Er hatte einen Herzinfarkt infolge einer Designer-Droge namens "White Angel", die sich in seinem Nasenspray befand. Der Journalist recherchierte an einer Geschichte über ein neuartiges Medikament, das Fressattacken ohne Folgen zulässt, indem es die Fettzufuhr im Körper blockiert. Sein Laptop und sämtliche Rechercheunterlagen sind allerdings verschwunden, sodass sich ein korrupter Zeitungschef als auch das forschende Ärzteteam verdächtigt machen.

Von Halluzinationen geplagtes Mager-Model

Im Mittelpunkt steht die Ex-Freundin des Journalisten, ein ziemlich untergewichtiges Model namens Kristina Pavlak, die sich als Probantin für diesen Fettkiller zur Verfügung gestellt hatte und mittlerweile abhängig davon ist. Hauptdarstellerin Agata Buzek, die Tochter des ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten Jerry Buzek, ist eine herbe Schönheit mit markanter Nase, die erst nach perfektem Styling ihren Zauber entfaltet und selbst als Model auf den Laufstegen dieser Welt unterwegs war. Selbstverliebt und vom Ehrgeiz zerfressen, auf die Titelseite der "Vogue" zu kommen, ist sie im Film vor allem spröde und abweisend, gelegentlich aber mal hysterisch, mal größenwahnsinnig, mal verzweifelt, mal verführerisch, mal zerbrechlich und hüpft vorwiegend mit Trägerhemdchen und Höschen durch ihre Puppenstuben-Wohnung.

Von Regisseurin Ute Wieland ist "Fettkiller" spannend wie schon lange keine "Tatort"-Folge inszeniert und packend wie ein Psychothriller, wenn die Protagonistin Schatten sieht, sich verzerrt im Spiegel wahrnimmt, unter Halluzinationen leidet und ihren Verfolgungswahn auslebt. Die Dialoge im Drehbuch von Mario Giordano und Andreas Schlüter geraten allerdings zeitweise zu platt, Floskeln wie "Feldzug gegen die Pharmaindustrie" oder "wir haben nichts zu verbergen" hört man leider zu oft in Krimis.

Fasten zwischen Austern und Lieferservice-Pizzen

Das Ermittlerduo, präsent aber doch dezent, verfolgt den roten Faden Essen variantenreich: Kommissarin Odenthal, die unbestechliche Jägerin der Fakten, fastet, widersteht im Laufe der Recherchen tapfer Muscheln und Pizzen und widerlegt Klischees: "Ihr Polizisten esst doch nur Pommes und Currywurst mit Ketchup", sagt der als Informant dienende Professor und schlürft weiter Austern. Kopper dagegen glänzt während der Ermittlungen mit Feinschmecker-Fachwissen über 300 Euro teure Weine, kann am Ende herzhaft zupacken, und Lena beißt endlich wieder in einen - hoffentlich nicht sauren und sehr kalorienarmen - Apfel.