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"Tatort"-Kritik: Eine blutige Angelegenheit

Tiefer Griff in den roten Farbeimer: Durch den vermeintlichen Selbstmord einer Klinik-Ärztin ermitteln Odenthal und Kopper im Krankenhausumfeld. Und kommen im Ludwigshafener "Tatort" einem Skandal um HIV-infiziertes Spenderblut auf die Spur.

Von Kathrin Buchner

Es beginnt mit Wohnungsputzen und einer blutigen Wunde: Die starrköpfige, asketisch-durchtrainierte Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihr sinnesfreudiger gutmütiger Assistent Mario Kopper (Andreas Hoppe) sind das symbiotischste Paar der "Tatort"- Reihe. Die beiden teilen nicht nur das Büro sondern auch den Küchentisch. Das führt zu ständigen Alltags-Streitigkeiten, so dass sie auch in den Ermittlungen ganz Mensch seien können. Umso schöner, wenn die stets so ruppig-unterkühlte Kommissarin Gefühle, ja sogar Tränen zeigen kann, wenn sie nämlich am eigenen Leibe erlebt, wie es ist, mit der Angst vor einer HIV-Ansteckung zu leben.

Doch bevor die "Tatort"-Folge "Roter Tod" diese drastische Wendung bekommt, verzeichnen die Ermittler schnelle Erfolge. Sie suchen den Mörder einer jungen Ärztin, deren Tod wie ein Selbstmord inszeniert wurde. Zwar liegt sie mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne, die Schnitte kann sie sich aber nicht selbst zugefügt haben. Schon bei den ersten Verhören im Krankenhaus zaubert die Schwester den Namen eines Eins-A-Mordverdächtigen hervor: Ex-Boxer Enzo Marchese (Josef Heynert) wurde von der Ärztin operiert, und durch eine verseuchte Blutkonserve mit dem HI-Virus infiziert. Er hat die Klinik verklagt, die Klage wurde allerdings abgewiesen, denn es gibt keinerlei Beweise.

Schließlich ist Boxen ein blutiger Sport, und nur die Blutkonserve selbst könnte einen eindeutigen Beweis für die Ansteckung bei der OP erbringen. Das weiß Peter Benda (Andreas Schmidt, bekannt aus "Sommer vorm Balkon") genau, der selbstsichere Chef von "Global Plasma", der Firma, die das Krankenhaus mit Spenderblut beliefert.

Schon an diesem Punkt verliert sich das Drehbuch in allzu eindeutiger Schwarz-Weiß-Malerei: Auf der einen Seite steht der aggressive, aber sympathisch gezeichnete Underdog Enzo, der durch die Infektion Freundin und Box-Karriere verloren hat und Taxi fahren muss, auf der anderen ist der allzu glatte, Cello-spielende Firmenboss, der skrupellos Blutplasma vertickert.

Schreckensszenario für Krankenhaus-Phobiker

Im Laufe der Ermittlungen erfährt man zwar so einiges über das lukrative Geschäft mit der kostbaren Körperflüssigkeit. Das ist Wasser auf die Mühlen von Krankenhaus-Phobikern, denn es wird suggeriert, dass trotz aller Kontrolle das Restrisiko einer unsauberen Blutkonserve bleibt. Tatsächlich ist das eher unwahrscheinlich, denn seit dem großen Skandal im HIV-infizierte Blutpräparate von 1993 wird äußerst gründlich kontrolliert.

Die Figuren neben den Ermittler bleiben statisch und eindimensional

Trotz der spannenden Thematik - die Figuren im Fokus der Ermittlungen, die blasierte Arztgattin, der ehrgeizige Chefarzt, der berechende Firmenchef, alle bleiben merkwürdig statisch und eindimensional. Lediglich der wütend-verzweifelte HIV-infizierte Enzo, der sein Schicksal nicht tatenlos hinnehmen will, erweckt das Mitgefühl des Zuschauers. Selbst wenn er nach einer Verfolgungsjagd im Kampf mit Odenthal sein Blut in ihre Wunde tropfen lässt und ihr damit schlaflose Nächte bereitet.

Es sind die starken und liebevoll gezeichneten Ermittlerfiguren, die viele Schläge einstecken müssen und den "Roten Tod" sehenswert machen: die verstörte Odenthal, der Opern-schmetternde Kopper und der akribische Becker, der durch seine hartnäckige Spurensuche am Ende doch noch den entscheidenden Beweis in der Waschmaschine findet. Die doch so gründliche Putzfrau hat dann doch nicht alle Spuren am Tatort beseitigt. Und am Ende schließt sich der Kreis des Alltäglichen: Zwölf Wochen später bekommt die Kommissarin das Ergebnis des Aids-Tests: negativ. Ihr nächster Schrei ist schon nicht mehr freudig, sondern gilt dem Kooperschen Chaos: der ewige WG-Streit ums Putzen geht in die nächste Runde, die starke Odenthal ist zurück.