"Tatort"-Kritik Der Bierflüsterer


Zum Oktoberfestauftakt ermittelt das Münchner "Tatort"-Trio zwischen Bierbänken und Blasmusik. "A gmahde Wiesn" handelt von mafiosen Verstrickungen auf dem größten Volksfest der Welt: ein gekonntes Schmierentheater um Geld, Eifersucht und Rache mit überraschendem Ausgang.
Von Kathrin Buchner

Die Genehmigung, ein Bierzelt auf der Wiesn aufzustellen, wird nach einem Punktesystem vergeben. Die 12.000 Menschen, die auf dem größten Volksfest der Welt arbeiten, erwirtschaften durch die rund sechs Millionen Besucher insgesamt eine Milliarde Euro. Ein Grundkurs in Betriebswirtschaft - selten wurden die mafiosen Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft im Großen und ihre Auswirkungen auf die Beteiligten im Kleinen in einem fiktiven Format anschaulicher dargestellt als bei der "Tatort"-Folge "A gmahde Wiesn". So anschaulich, dass sich die wahre Chefin des Oktoberfests, Gabriele Weishäupl, bemüßigt fühlt, klar zu stellen, dass die Geschichte natürlich "eine irreale Übertreibung" sei, die in künstlerischer Freiheit der Macher entstanden sei.

Der Titel spiegelt sehr subtil die verschiedenen Ebenen, die Drehbuchautor Friedrich Ani in diesem Krimi verbindet. "Wiesn" ist der volkstümliche Begriff für Oktoberfest. "A gmahde Wiesn" ist wiederum ein bayerischer Ausspruch, der etwas bezeichnet, das nicht schiefgehen kann, "eine todsichere Sache" also. Das spielt einerseits an auf das lukrative Geschäft beim größten Volksfest der Welt, andererseits auf das Mordopfer, das von der Wiese in den Gartenteich gestoßen wurde und von der Putzfrau beim Rasenmähen gefunden wurde. Hubert Serner heißt der Erschossene. Er ist Stadtrat und Chef des Ausschusses, der in München die Standrechte auf der Wiesn vergibt und damit über Gedeih und Verderben von Wirten und Fahrgeschäftsbetreibern entscheidet.

Der "fesche Hubsi", wie er gemeinhin genannt wurde, war ein charmanter Gentleman, der seine Macht reichlich ausgenützt hat. "Ein Flüsterer", wie ihn eine seiner Geliebten im Verhör bezeichnet, ein Mann, der seinen Mitmenschen nicht egal war, den man entweder geliebt oder gehasst hat, manchmal sogar beides gemeinsam.

Der Zoom in die Wiesnklos

Gleich zu Beginn lässt Regisseur Martin Enlen die Geliebten dieses feschen Hubsis vor schwarzem Hintergrund frontal in die Kamera sprechen, beinahe wie in einem Kammerspiel. Überhaupt ist die Inszenierung des Krimis eine Mischung aus bayerischer Boulevardkomödie und modernem Minimalismus. Die Kamera schwenkt über das Oktoberfest, verharrt minutenlang, ein anderes Mal zoomt sie in die Klos, die während der Aufbauarbeiten inspiziert werden - immerhin 1.600 gibt es davon.

Während der Mördersuche bleibt genügend Zeit für philosophische Betrachtungen über das gigantische Wirtschaftsimperium Oktoberfest - "das Geschäft muss eine Schönheit haben"-, für ein romantisches Stelldichein von Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit einer Verdächtigen - "Finger verbrennen am knusprigen Wiesnhendl"- , Carlo Menzingers (Michael Fitz) Espressomaschinenbastelei, die Slapstick-Dialoge von Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl), die immer mehr eine eheähnlich-symbiotische Beziehung entwickeln. Und ganz nebenbei werden noch Wiesnklischees gewälzt, wenn die resolut-korrupte Chefin der Wiesnwirte (wunderbar: Monika Baumgartner) die Kommissare niederbügelt, auch sie würden eine perfekte Logistik erwarten, aber sich bei den Preisen abgezockt fühlen.

Jede Menge Zahlen um die Wirtschaftsmacht Wiesn, derb-deftige bayerische Bonmots und die bewährte Dreifaltigkeit der Münchner Kommissare machten diese "Tatort"-Folge sehenswert. Auch wenn sie ein wenig ins Schmierenfach abgedriftet ist mit einem romantischen Kommissar und jeder Menge bayerischer Schunkelmusik im Hintergrund. Besonders süffisant ist das Ende, wenn der Mann, der über die Vergabe von Umsätzen in Milliardenhöhe entscheidet, letztendlich wegen fünf Euro umgebracht wird, die er nicht rausrücken will. Ertrunken im eigenen Größenwahn. So perfide ist Kapitalismus.


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