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"Tatort"-Kritik: Die Babyleiche im Zwillingsbett

Gut sechs Millionen Zuschauer haben im Frankfurter "Tatort" zugesehen, wie die Gerichtsmedizinerin eine Babyleiche aufschneidet. Plötzlicher Kindstod, überforderte Eltern, Vernachlässigung - wie es die Krimireihe schafft, gesellschaftspolitische Schlagworte mit echtem Menschenleben zu füllen.

Von Kathrin Buchner

Sie schreit einfach nur. Schreit so, dass es einem durch Mark und Bein geht. Tamara (Lisa Hagmeister) hat gerade ihr Kind verloren. Ihr Sohn Leon liegt tot im Zwillingsbettchen. Schwester Emily weint. Vater Tom (Tom Schilling) kommt gerade von der Arbeit nach Hause. Er reagiert merkwürdig. Schüttelt seine Frau, fragt sie, was sie gemacht hat. Legt das Baby auf den Boden und reanimiert es. Entdeckt, dass das Weinen seiner Frau nicht echt ist. Ruft die Polizei. Unterschreibt nach zähem Ringen das Protokoll, indem er schriftlich den Verdacht bestätigt, seine Frau könnte ihr eigenes Kind umgebracht haben.

Ein Fall für das Ermittlerduo Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf), Spezialisten für schwierige Fälle im familiären Bereich. Schon in der "Tatort"-Folge "Unter uns" ging es um ein verhungertes Kind, das jahrelang von seinen Eltern eingesperrt wurde. Sänger, deren Gesicht zu einer Maske mit riesengroßen Porzellan-Augen erstarrt, wenn sie Verhöre führt, geht ohne jegliche Vorurteile an die Ermittlungen heran. Sie beurteilt Menschen nicht nach ihrem ersten Eindruck, nimmt sich die Zeit, in Ruhe mit ihnen zu sprechen. Eine Tugend, die in der Realität deutscher Amtsstuben oft zu kurz kommt.

Mord aus Überforderung oder plötzlicher Kindstod?

Doch die lauten Männerstimmen überwiegen zunächst. Der Staatsanwalt, der "Kindsmord" ruft und seinen Fall aufgeklärt haben will. Er weiß, die Presse wird sich auf den Fall stürzen und von "Verrohung der Gesellschaft" sprechen. Der Sachverständige, dem das Wohl des Kindes über alles geht, der von "Vernachlässigung" spricht und der Unreife der Mutter, die mental nicht in der Lage sei, für ihr Kind zu sorgen, eine Mutter, die überall Tote sieht, die in einer Traumwelt lebt, unfähig zu sozialen Kontakten ist, ihre Arbeitskollegen beklaut und von ihrer eigenen Mutter relativ lieblos aufgezogen wurde.

Subtil führt Drehbuchautorin Judith Angerbauer uns Zuschauer durch die Geschichte. Spielt mit unseren Gefühlen, mit unseren Empfindungen von dem, was richtig und was falsch ist. Darf eine so offensichtlich unreife Frau überhaupt Kinder aufziehen? Ist nicht sogar eine Verwahrung im Heim besser als eine Oma, die das Baby schreien lässt, um sich die "Tagesschau" anzusehen? Nebenbei baut Angerbauer geschickt Haltungen unserer egoistischen Gesellschaft ein. Da ist die Architektur-Studentin, die von dem "armen Paar" spricht, es sei doch "Wahnsinn" mit Anfang 20 schon Kinder zu bekommen.

Komplex und verstörend wird Realität erzählt

"Der frühe Abschied" schließt nahtlos an den herausragenden Münchner "Tatort" "Kleine Herzen" vom Dezember 2007 an, in dem gezeigt wurde, wie eine alleinerziehende Teeniemutter in ihrem Alltag scheitert. Auch in dem Frankfurter Krimi wird jenseits von politischen Schlagworten und täglichen Horrormeldungen über Babyleichen in der Kühltruhe eine Geschichten dahinter erzählt. Komplex und verstörend, ohne eindeutige Antworten zu geben. Überzeugend dank gutem Drehbuch, Schauspieler und Regisseur. Bietet Grundlage für Diskussionen mit Zündstoff. Und erteilt ganz nebenbei wissenschaftlichen Nachhilfeunterricht. Tatsächlich gibt es Erkenntnisse über einen Gendefekt, der möglicherweise für plötzlichen Kindstod verantwortlich ist. Denn manchmal sind die Dinge eben nicht so, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Und wer am Ende recht hat, konnte auch dieser "Tatort" nicht erklären.