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"Tatort"-Kritik: Klein-Hänschen als Meisterdetektiv

Das Mordopfer wird als "Kerkermeister" gebrandmarkt, ein Behinderter entpuppt sich als Meisterdetektiv. Die Münchner "Tatort"-Folge "Das verlorene Kind" beeindruckte durch eine packende Geschichte und war auch noch brillant umgesetzt.

Von Kathrin Buchner

Gesellschaftlich relevante Themen in einen 90-minütigen Thriller zu packen, der auch noch spannend ist, darin besteht die große Kunst des "Tatort". Nicht immer gelingt ihm das. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer Münchner oder Kölner Folge auf so eine Geschichte zu stoßen, ist groß, Das weiß der regelmäßige Zuschauer. An diesem Sonntag hat es sich besonders gelohnt. In einer Zeit, in der Kevins und Jessicas verwahrlost und zu Tode gequält werden, erzählt "Das verlorene Kind" von einem Vater, der seinen behinderten Sohn Hans ohne Kontakt zur Außenwelt aufwachsen lässt.

Auf den ersten Blick scheint es, als ob Hans seit 31 Jahren eingesperrt wird: Im Bett befinden sich Gurte, alle Fenster der Wohnung sind mit Schlössern gesichert. Hans hat noch nie einen Kindergarten oder ein Klassenzimmer von innen gesehen, und wenn der Vater aus dem Haus geht, schaltet er per Anrufbeantworter-Fernabfrage die Raumüberwachung ein. Erst als der Vater mit einem Briefbeschwerer erschlagen aufgefunden wird, kommt die Existenz dieses Kindes ans Tageslicht. Der Fall scheint klar: Die jahrelang erniedrige Kreatur hat ihren gesamten Frust an seinem "Kerkermeister" ausgelassen, wie die Münchner Presse alsbald den Vater bezeichnen wird.

Doch die Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayer (Udo Wachtveitl) schauen genauer hin, das zeichnet sie aus. Sie hören der Tochter des Mordopfers zu, die das Bild des treusorgenden, liebevollen Vaters beschwört. Sie greifen zu unorthodoxen Ermittlungsmethoden, eine Spur ist schließlich eine Spur, auch wenn sie sich als falsch herausstellt. Sie laufen sich die Hacken wund auf der Suche nach einer verschwundenen antiken Uhr, lauschen stundenlang Kassetten mit Kinderliedern und wagen das Experiment mit dem einzigen Tatzeugen, dem behinderten Hans, der nicht richtig sprechen kann, den Mordtag in einem Experiment nachzustellen.

Schockeffekte wie in Hollywood

In der insgesamt sehr lichtarmen Atmosphäre mit reichlich Nebelschwaden schafft Regisseur Jobst Christian Oetzmann starke Bilder, kreiert einen starken Kontrast zwischen der idyllisch-verschneiten Voralpenlandschaft und der Düsternis der Mordwohnung, inszeniert hollywoodreife Verfolgungsjagden mit Schockeffekten und anrührende Szenen, die niemals ins Kitschige abdriften: Franz und sogar der ruppige Ivo singen im Auto "Hänschen klein", sie fahren mit Hans in die Waschstraße, weil ihn Regen beruhigt, und lassen sich von ihm auf seine kleinkindhafte Art die Haare kämmen.

Und trotzdem sind sie alle so wie immer: Assistent Carlo Menzinger (Michael Fitz) dauer-melancholisch und unterdrückt-selbstmitleidig, Ivo, cholerisch, Franz milde und ausgleichend. Das Trio infernale bekommt starke Charaktere an die Seite, vor allem Arndt Schwering-Sohnrey als Behinderter Hans wimmert, wütet, schreit, und lacht ganz herzergreifend. Einzig die übergroße Brille wirkt ein wenig zu klischeehaft: Ein sehr ähnliches Modell hat Regisseur Oetzmann seinen Darsteller Schwering-Sohnrey in seinem Film "Die Einsamkeit der Krokodile" (2000) auf die Nase gesetzt - ebenfalls in der Rolle eines Behinderten.

Handlung hervorragend, Mordmotiv gewöhnlich

Am Ende ist das Mordmotiv so gewöhnlich wie ein Mordmotiv nur sein kann: Es ging um Geld, und der Schwiegersohn hat seinen Schwiegervater erschlagen um an 50.000 Euro zu kommen. Und doch ist auch er kein kaltblütiger Mörder. Er wollte das Geld für einen guten Zweck und bringt es letztendlich nicht übers Herz, den einzigen Zeugen aus dem Weg zu schaffen. Aber die Aufklärung der Tat ist eigentlich nur ein Detail der Vollständigkeit halber. Bis dahin hat man Hans ins Herz geschlossen und gelernt, dass ein richtig angebrachter Gurt nicht unbedingt eine Foltermethode sein muss.

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