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"Tatort"-Kritik Ritalin und rauchende Colts


Endlich wird wieder scharf geschossen: Das neue Erfurter "Tatort"-Team führt sich mit Rasanz und Action ein - kann das hohe Tempo aber nicht über die kompletten 90 Minuten durchhalten.
Von Carsten Heidböhmer

Ritalin ist ein Medikament, das eigentlich Kindern zur Behandlung von ADHS verabreicht wird. Doch es macht auch leistungsfähig - deshalb wird es gerne von Studenten konsumiert, gerade in Prüfungszeiten. Damit ist es die Droge für die Pflichterfüller-Generation. Denn während Studenten früher Drogen konsumiert hätten, um sich zu entspannen, ist heute alles dem Bildungserfolg untergeordnet. Immer wieder sieht man in dieser Folge gehetzte Studenten, die an der Belastung und dem Prüfungsstress zu scheitern drohen. Gleichzeitig ist das Debüt des neuen Erfurter "Tatort"-Teams ein gutes Beispiel dafür, wie man gesellschaftlich relevante Themen spannend aufbereitet.

Bis der Fall aber zu seinem Thema gefunden hat, vergeht viel Zeit, zwischendrin schlägt die Geschichte einige Haken. Denn zunächst sieht es so aus, als sei die am Gera-Ufer tot aufgefundene Studentin Opfer eines gesuchten Sexualstraftäters geworden, den die jungen Kommissare Henry Funck (Friedrich Mücke) und Maik Schaffert (Benjamin Kramme) gerade in der rasanten Eingangsszene gestellt haben.

Doch als sie unter der Matratze der Toten mehrere Tausend Euro Bargeld finden, kommen die Ermittler auf eine neue Spur: Die Studentin hat bei einem Escort-Service gearbeitet. Stammt der Mörder aus dem Kreis der Kunden? Der alleinerziehende Henry Funck, eigentlich in seine verheiratete Nachbarin verknallt, ermittelt mit großem Interesse in dieser Szene - und kommt einer Begleitdame näher als beruflich notwendig. Nur der Anruf seines Kollegen Schaffert bewahrt ihn davor, die Dame im Hotelzimmer zu vernaschen.

Unnötig umständlich war dieses Debüt, mit dem nun endlich auch das Bundesland Thüringen die "Tatort"-Landkarte besetzt. Denn zwischendrin taucht der eigentlich schon gestellte Sexualstraftäter wieder auf und wird ein zweites Mal von Schaffert überwältigt. Der Einsatz an der Escort-Front hat sich allerdings gelohnt: Die Kommissare kommen über einen Stammkunden der Toten auf die richtige Spur. Als Arzt kann Prof. Dr. Petkus Rezepte ausstellen. Und weil Ritalin ein verschreibungspflichtiges Medikament ist, lässt sich damit auf dem studentischen Schwarzmarkt viel Geld verdienen. Zusammen mit dem Freund ihrer Mitbewohnerin hat die Tote den verheirateten Petkus erpresst, damit der ihnen immer neue Rezepte liefert. Und weil die beiden sich auch körperlich näher kamen, drehte dessen Freundin durch und ermordete ihre Mitbewohnerin.

Zu viele Abzweigungen

Zu viele Abzweigungen rauben dem Fall das Tempo. Dabei war gerade die Eingangsszene rasant und actionhaltig, wie selten in einer Reihe, wo es schon als dynamisch gilt, wenn der Kölner Kommissar Dietmar Bär eine Treppe hochhechelt oder Axel Prahl in Münster einen Mauervorsprung hinunter hüpft. Da bringen die beiden jungen Ermittler eine ganz neue Note in den Sonntagabendkrimi - das Monopol auf Action muss man ja nicht Til Schweiger überlassen. Und sie greifen sogar zur Schusswaffe!

Dass dabei kein reines Männer-Fernsehen herausgekommen ist, daran haben zwei Frauenfiguren ihren Anteil: Die Praktikantin Johanna Grewel (Alina Levshin) bringt die beiden eingespielten Kommissare ein bisschen zum Reden, dadurch kann auch der Zuschauer ihrer Arbeit besser folgen. Im Gegensatz zu den bodenständigen Jungs, in deren Kosmos Bier und Fußball eine große Rolle spielen, bildet die Uni-Absolventin einen erfrischenden Kontrast: Sie ist noch völlig im akademischen Slang verhaftet, und sorgt mit ihrer gestelzten Ausdrucksweise für Momente der Komik.

Hervorzuheben ist auch die Chefin, die zu den beiden jungenhaften Kommissaren ein mütterliches Verhältnis pflegt. Sie nennt sie schon mal "Max und Moritz", und zeigt sich als strenge, aber immer wohlwollende Aufseherin. Insgesamt eine Konstellation, die Potenzial für weitere Folgen in sich birgt.


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