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Neues "Tatort"-Team aus Erfurt: Jugend forscht

Ein junges, dynamisches Team ganz ohne Macken möchte der MDR seinen Zuschauern beim neuen Erfurt-"Tatort" präsentieren - und hält Wort. Die Ermittler bringen Action in die Krimireihe.

Von Carsten Heidböhmer

Krach, Boom, Bäng: Wir befinden uns mitten in einer atemberaubenden Verfolgungsjagd. Mit rasanten Sprints, riskanten Sprüngen und dann einem gefährlichen Showdown in der Fabrikhalle. Es endet mit einem gezielten Schuss - und der Mörder ist gefasst.

Das ist nicht etwa das Ende des neuen "Tatorts" - sondern nur der Anfang des ersten Falls, mit dem sich das Erfurter Ermittlerteam einführt. Damit ist gleich mal der Ton gesetzt: Jünger, temporeicher und actionlastiger soll er werden, der neue Erfurt-"Tatort". Dafür schickt der MDR das jüngste Ermittlerteam an den Start, das es derzeit in der Krimireihe gibt.

Dieser "Tatort" macht Stars

Das spiegelt sich auch in der Besetzung wider: Während ein Schauspieler bei anderen Sendern erst dann "Tatort"-würdig ist, wenn er den Promi-Status erreicht hat - wie Til Schweiger in Hamburg, Jan Josef Liefers in Münster oder Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar -, geht der MDR in Erfurt neue Wege. Der Sender verpflichtete drei relativ unbekannte, dafür aber vielversprechende Talente für die Rollen der Ermittler. Es gilt nicht mehr wie bislang üblich: Der "Tatort" holt Stars. Die Erfurter Regel lautet: Der "Tatort" macht Stars. Und das könnte tatsächlich gelingen.

Denn trotz ihrer jungen Jahre verfügen die drei Schauspieler über eine beeindruckende Vita. Benjamin Kramme, 1982 in Weimar geboren und damit der einzige echte Thüringer im Team, spielte bereits viel für Theater und Fernsehen. Friedrich Mücke, 1981 in Berlin geboren, spielte in dem Kinoerfolg "What a man" und gewann 2009 den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsschauspieler für "Friendship!". Alina Levshin gewann gleich mehrere hochrangige Preise: 2010 den Deutschen Fernsehpreis für das Schauspielerensemble der Serie "Im Angesicht des Verbrechens" und 2012 den Deutschen Filmpreis für ihre Rolle in "Kriegerin". Geboren wurde sie 1984 in der Sowjetunion im ukrainischen Odessa, im Alter von sechs Jahren kam sie nach Berlin.

Neue Wege

Die von Levshin verkörperte Johanna Grewel ist zwar nur die Praktikantin, doch sie erfüllt eine ungemein wichtige Funktion im Team. Denn die beiden Ermittler Henry Funck (Mücke) und Maik Schaffert (Kramme) sind zwar ein perfekt eingespieltes Team - doch sie sind so gut aufeinander abgestimmt, dass sie nicht mehr viele Worte verlieren müssen. Die Praktikantin Johanna ist nun diejenige, die - auch im Interesse der Zuschauer - die beiden zum Sprechen bringt. Mit ihrem eigenen Wissen setzt die studierte Polizeiwissenschaftlerin viele Impulse und unterstützt so die Ermittlungen. Das Team funktioniert mit ihr so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es künftig ohne sie weitergeht. Ob sie beim nächsten Mal noch immer Praktikantin ist, oder dann in den Polizeidienst aufgenommen wurde, steht allerdings noch nicht fest.

Ungewöhnlich war nicht nur die Besetzung der Rollen, schon bei der Entstehung des "Tatorts" ging der MDR neue Wege: Ort, Alter Zusammensetzung des Ermittlerteams, überhaupt die Tonlage - nichts war fest vorgegeben. "Wir haben eine offene Angebotseinholung über das Internet durchgeführt", sagt die zuständige MDR-Redakteurin Meike Götz. Mehr als 100 Vorschläge seien eingereicht worden. Daraus habe dann eine Jury ausgewählt - und darauf geachtet, eine Nische zu besetzen, ein Team zu schaffen, das es in der "Tatort"-Landschaft noch nicht gibt.

Hier wird scharf geschossen

Das ist den Machern auf jeden Fall gelungen. Es ist nicht nur das Alter, es ist vor allem die Art, wie die jungen Kommissare miteinander sprechen, die anders ist als bei anderen Krimis. Sie reden so, wie junge Menschen reden. Und nicht wie Drehbuchautoren denken, dass junge Menschen reden. Sie sagen "Alter" zueinander. Wenn sie etwas zu trinken kaufen gehen sie "einen Kaffee recherchieren"; ist der Kühlschrank leer, müssen sie einen "Supermarkt recherchieren". Und auch das Thema des ersten Falls passt da gut rein: Es geht um Medikamentenmissbrauch bei Studenten.

Und, auch das ist anders als üblich, sie nutzen ihre Schusswaffen tatsächlich. Damit stellen sie nicht nur zu Beginn einen Mörder - sie lösen damit auch am Ende eine kniffelige Situation. Insgesamt ein gelungenes Debüt des neuen Erfurter Teams, das vor allem mit einigen rasanten Actionszenen aufwartet - das das Tempo leider nicht durchgängig hoch hält. Doch das verzeiht man dem jungen Team gern.