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"Tatort"-Kritik: Still ruht der See

Man ist ja vorgewarnt am Sonntag: Ein "Tatort" aus Konstanz, das ist meist Krimi-Durchschnittsware - mit dem Bodensee als Wohnzimmertapete. Das war auch bei "Schmuggler" nicht anders. Dass am Ende dennoch ein erträglicher TV-Abend herauskam, lag an zwei Frauen.

Von Volker Königkrämer

Seien wir ehrlich: Mit dem "Tatort" verhält es sich ein bisschen so wie mit dem Essen. Jeder hat so seine Leibspeisen, sprich: Lieblingskommissare. Dann gibt es die Hausmannskost, also jene Ermittler, die es in aller Regel schaffen, den Sonntagabend verlässlich zu möblieren. Und dann sind da noch die "Der-Hunger-treibt's-rein"-Gerichte. Mag man nicht, hat man nie gemocht, Finger weg.

Der Bodensee-"Tatort", ich geb's zu, hat in meinem privaten Küchenranking ungefähr den Platz von - sagen wir mal - Erbsensuppe: Wärmt. Macht satt, doch es fehlt die Raffinesse.

Das liegt an der meist nur schwer erträglichen Mütterlichkeit von Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes). Dem gockelhaften Aufplustern von Perlmann (Sebastian Bezzel), sobald auch nur eine ansatzweise attraktive Frau seinen Weg kreuzt. An der Tranigkeit, mit der sich die Handlung oft als langer, ruhiger Fluss voranquält. Und der Penetranz, mit der der Bodensee immer wieder als Deko herhalten muss.

Zwei Frauen retten den Fernsehabend

All das findet sich auch in der 21. Bodensee Folge "Schmuggler" wieder. Diesmal zum Glück jedoch durch das Buch von Leo P. Ard alias Jürgen Pomorin und Birgit Grosz noch halbwegs heruntergedimmt. Vor allem hat man beim SWR diesmal die ein oder andere frische Zutat ausprobiert. Zwei, um genau zu sein. Sie heißen Alwara Höfels und Julia Koschitz.

Höfels (ja, genau, die Erzieherin und Kollegin von Nora Tschirner aus "Keinohrhasen" und derzeit in "Blutzbrüdaz" in den Kinos) spielt Lara Kraft, die als Schwangerschaftsvertretung für Sekretärin "Bäckchen" frischen Wind in das Revier bringt. Wind, ach was. Da fegen gleich ein paar veritable Böen durch die Ablage. Gockel Perlmann jedenfalls wird von ihr gleich mal in der ersten Runde verbal auf die Bretter geschickt. ("Da machen wa doch mit, wa?!")

Und Julia Koschitz? Nun ja, Julia Koschitz ist Julia Koschitz. Ohne sie wäre auch "Schmuggler" wieder bloß Erbsensuppe. Dank ihr wird es Saltimbocca!

Fundort der Leiche - na klar - am Seeufer

Koschitz spielt die Zollbeamtin Marie Schreiber. Ihr Kollege Robert Riebsahl, mit dem sie bis vor Kurzum noch ein Verhältnis gehabt hat, wird tot in seinem Auto aufgefunden. Das steht natürlich, wie immer, dekorativ geparkt am Bodenseeufer.

Bei der Suche nach einem Motiv stoßen Blum und Perlmann schon bald auf Unregelmäßigkeiten in der Zollstation. Warum hat Riebsahl seine Kollegen Schreiber und Kevin Kümmerle kurz vor seinem Tod bei der Arbeit fotografiert? Welcher Zöllner lässt sich von dem Banker Urs Röttli schmieren und verrät ihm dafür per Umschlag auf der Zolltoilette die nächsten Kontrolltermine? Schließlich: Wer ist der Unbekannte, der Perlmann bei einer Durchsuchung der Wohnung des toten Zöllners eins über den Schädel gibt? (Was im Übrigen in eine der wohl albernsten Traumsequenzen der jüngsten "Tatort"-Vergangenheit mündet. Da war sie wieder, die SWR-Hausmannskost!)

Immer wieder aber rückt auch Marie Schreiber ins Geschehen. Sie hat ihre Affäre zunächst verheimlicht. Klara Blum, na klar, entwickelt schnell eine gewisse Sympathie für die junge Zöllnerin, die alleinerziehend ist und sich nur mühsam über Wasser halten kann. Das Angebot des zwielichtigen Fahrservice-Betreibers Michael Polzner, auf ein finanzielles Zubrot (gegen eine gewisse Großzügigkeit beim Grenzübertritt, natürlich) schlägt sie zunächst aus. Als der sich ihrer Tochter als Druckmittel bedient, geht Schreiber dann doch auf den Deal ein. Aber nur zum Schein, wie sich herausstellt. Polzner und der schmierige Banker Röttli werden beim Schmuggel von Schwarzgeld ertappt und festgesetzt.

Geiselnahme in der Zollstation

Doch bei der Lösung des Mordfalls kommen Blum und Perlmann keinen Deut weiter. Der Banker mit Dreckphobie, der in der U-Haft eine Nacht lang seine Zelle putzt (noch so eine Albernheit), der junge Zollkollege Kümmerle und der in seiner Gefährlichkeit deutlich zu dick aufgetragene Fahrunternehmer sind früher oder später aus dem Rennen.

Am Ende purzeln die Ereignisse ein bisschen arg schnell durcheinander: Es kommt zur Geiselnahme in der Zollstation. Deren Chef Wolfgang Neuerer (Falk Rockstroh) scheint plötzlich der böse Bube, der sich schmieren lässt, Polzner erpresst und wohl auch Riebsahl umgebracht hat. Nach seinem spektakulären Selbstmord könnte die Akte eigentlich zufallen.

Tut sie aber nicht. Fast möchte man sagen: leider. Denn natürlich war es am Ende doch Marie Schreiber, die zur Waffe gegriffen hat, weil ihr Exfreund in seiner Ehrpusseligkeit nicht bereit war, über ihren einmaligen 5000- Euro-Erpressungsausrutscher hinwegzusehen.

Das alles ist jetzt kein großes Kino. Kein Gänsehautmoment und nichts, wovon man unbedingt in einem Jahr noch sprechen wird. Doch Julia Koschitz gelingt es, diese Marie Schreiber in all ihrer Redlichkeit und Verzweiflung tatsächlich zum Leben zu erwecken. Ganz ohne große Gesten und emotionale Ausbrüche, allein durch die Qualität ihres Spiels.

Nicht nur Klara Blum, auch der Zuschauer schließt Marie Schreiber während der 90 "Tatort"-Minuten ins Herz. Und wenn einer Schauspielerin das gelingt, dann hat sie so ziemlich alles richtig gemacht.

Diesmal also Erbsensuppe mit Schuss aus Konstanz!