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TV-Kritik zum "Tatort": Stille Wasser sind seicht

Ein Serienmörder, der die Verbrechen aus den Krimis eines Bestsellerautors kopiert. Klingt nach einer spannenden Story, ist aber auch alles andere als eine neue Idee. Trotzdem hätte der jüngste Bodensee-"Tatort" ein Nervenkitzler werden können. Leider fehlte der Mut.

Von Dieter Hoß

Es dauerte nicht lange, da setzten die Assoziationen ein: "Copykill" mit Sigourney Weaver und Holly Hunter zum Beispiel oder "Seven" mit Morgan Freeman und Brad Pitt. In beiden Kino-Klassikern geht es darum, dass ein Serienmörder nach Vorlagen handelt. Mal sind es die Taten anderer Killer, mal ist es die Bibel. Zwei äußerst effektvoll umgesetzte Thriller, und - natürlich - allzu große Fußstapfen für einen "Tatort". Echte Nervenkitzler waren Deutschlands Sonntagskrimis in der Vergangenheit nur äußerst selten.

Und so wurde auch in "Das schwarze Haus", dem jüngsten Bodensee-"Tatort", der viel versprechende Stoff provinzialisiert. Die Mordserie wurde ins Konstanzer Kleinstadt-Künstlermilieu verlegt. Dem Mörder dienten die Krimis des lokalen Bestsellerautors Ruben Rath (Hannes Jaenicke) als Vorlage. Im Vorstand des städtisch geförderten Künstlervereins gab es jede Menge Eifersüchteleien und somit mögliche Tatmotive, doch im Grunde war der Fall recht eindimensional. Sämtliche Details dienten nur dazu, es den Ermittlern Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) - und ebenso den Zuschauern - nicht gar zu leicht zu machen.

Letztlich aber überraschte es nicht, dass das schusselige und als Autor verkannte Vereinsmitglied Peter Jeschke (Michael Kausch) derjenige war, der fleißig nach Vorbild mordete. Gegen Ende durfte Perlmann das verräterische Zimmer in der Wohnung Jeschkes entdecken, der alle Mordpläne und Opferfotos samt Zeitungsausschnitten an einer Wand gesammelt hatte. Auch das ein Filmklassiker, wenn auch nicht ganz passend, denn so einsam und verschroben war die Figur des Täters nicht, dass eine derart verräterische Kammer des Schreckens nicht viel früher aufgefallen wäre.

Wiederholung als erzähleriches Mittel

Dass es trotzdem schon deutlich schlechtere "Tatorte" gegeben hat, lag an der Art und Weise, wie Autor und Regisseur Thomas Bohn die Geschichte erzählte und inszenierte. Er versuchte gar nicht erst zu verschweigen, dass seine Story großen Vorbildern folgte, sondern erhob das Motiv des Nachahmens, der Wiederholung und des Zitats zum erzählerischen Mittel.

Originell, wenn auch selbstverständlich sorgfältig abgeguckt, war die zweimal identische und dann variierte Sequenz, in der Perlmann seine Chefin zuhause zu neuen Ermittlungen abholt. Krimiautor Rath lieferte mit seinen Büchern nicht nur die Vorlagen für die Taten des Serienkillers, sondern ihm wurden auch Plagiate seinerseits vorgeworfen – wohl nicht ganz zu Unrecht, wie eine Äußerung in der Schluss-Szene nahelegte. Darin lag auch das Tatmotiv des Mörders Jeschke, der sich zwar nach Raths Geschichten richtete, auf diese Weise aber unter anderem dessen Ideenklau rächen wollte. Zum Schluss deutete der Killer die Absicht an, als "großes Geständnis" im Gefängnis seine Mordserie aufzuschreiben - "wie der Hurenmörder von Wien". Das dürfte eine Anspielung auf den österreichischen Serienmörder Jack Unterweger gewesen sein, der in der Zelle zum Schriftsteller wurde. Auch dessen Leben wurde zu einer Vorlage für Film und Theater.

Nur zu Vorbildern aufgeschaut

Ein gewiefter Autor, eine gute Story und ausgezeichnete Schauspieler – im Grunde waren alle Zutaten für einen spannenden Krimi vorhanden. Doch es fehlte wohl der Mut, diesen Blum-"Tatort" effektvoller umzusetzen. So blieb letztlich nur ein Aufschauen zu den großen Vorbildern. Etwas mehr Abgründigkeit, etwas mehr "Suspense" und etwas weniger Konzentration auf das Wiedersehen mit den vertrauten Kommissaren und ihren Marotten täte den "Tatorten" inzwischen wieder ganz gut. Wer den Bodensee kennt, weiß, dass er gerade im Winter, in dem auch diese Geschichte spielte, reichlich Morbidität und Melancholie ausstrahlen kann – ideal für einen Mordfall wie diesen. Es ist kein Naturgesetz, dass Spannung und Nervenkitzel in britischen oder skandinavischen Kulissen angesiedelt sein müssen, und man sonntags nur wenig später zumindest in dieser Hinsicht "mit dem Zweiten besser sieht".