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"Tatort"-Kritik: Teeniemutter am Rande des Abgrunds

Deutschland sorgt sich um verwahrloste Kinder - der Münchner "Tatort" liefert punktgenau einen fiktionalen Schicksals-Krimi. In "Kleine Herzen" rücken die Kommissare in den Hintergrund und eine überforderte Teeniemutter in den Vordergrund, intensiv gespielt von Janina Stopper.

Von Kathrin Buchner

Mit seinen kleinen Händen schöpft Tim (Felix von Opel) Wasser aus einer Gießkanne, der Fernseher liegt mit dem Bildschirm nach unten auf dem Boden, Tims Armen und Beine sind mit Schokolade beschmiert, Bonbonpapiere liegen überall verstreut. Seit Stunden ist der vierjährige Junge eingesperrt im Wohnzimmer einer Frau, bei der seine Mutter Blumen gießt.

Anne Kempf (Janine Stopper) ist 18, mit 14 hat sie Tim bekommen, ein zartes Geschöpf mit Porzellanteint und rotblonden Haaren. Sie steht in der Früh um fünf Uhr auf, trägt Zeitungen aus, bringt Tim in den Kindergarten, geht zur Arbeit im Supermarkt, hängt ständig am Handy, um jemanden zu organisieren, der Tim vom Kindergarten abholt, kocht, wäscht, bügelt, überlegt sich Ausreden für ihren Chef, um die Frau vom Jugendamt zwischendurch zu empfangen, kämpft für ihr selbst bestimmtes Leben.

Der Vater des Kindes, Marc Sommer (Max Mauff), ebenfalls 18, kümmert sich selten um seinen Sohn. Verantwortung spürt er für seinen Fußballverein und hofft, nach dem Abitur sein Stipendium an der amerikanischen Stanford Universität antreten zu können.

Die Besserwisserin aus dem Leben schubsen

Unsentimental erzählt der Münchner "Tatort" von einer Teenagermutter, die komplett überfordert ist und ihren Sohn aufgibt, ihn einsperrt, aus ihrem Gedächtnis streicht. Gleich zu Beginn geschieht der Mord, juristisch gesehen eher ein Totschlag. Im Affekt schubst Anne Tims Tante Katrin (Samia von Arx), die Schwester ihres Ex-Freundes Mark, eine Böschung runter und aus ihrem Leben. Die Besserwisserin, die Pädagogik studiert und als Einzige im gesamten Familienkreis erkennt, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Still, eindringlich und ohne zu verurteilen oder anzuklagen erzählt Regisseur Filippos Tsitos nach dem Drehbuch von Stefanie Kremser die Geschichte von Anne Kempf, so wie sie tagtäglich in Deutschland passieren könnte. Die Form ist ungewöhnlich für einen "Tatort" und vor allem für die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec). Erstmals ohne Carlo verzichten sie auf ihren üblichen verbalen Schlagabtausch und halten sich im Hintergrund.

Mord und Täter stehen von Anfang an fest, und trotzdem ist man als Zuschauer komplett in den Bann gezogen von dem Fall. Das liegt vor allem an den fabelhaften Hauptdarstellern, die vor Teilen ihres Lebens komplett kapitulieren, Janina Stopper als Anne Kempf, Max Mauff als Marc Sommer und Felix von Opel als Tim, als Nervensäge und Energiebündel, dem seine Mutter nicht gewachsen ist.

Der Schalter klappt um - von fürsorglich auf teilnahmslos

Irgendwann ist dieser Punkt, an dem ein Schalter in Anne umgelegt wird, an dem sie kapituliert, in einen schwerelosen Traumzustand verfällt, ihren Sohn wegsperrt und in ein normales Teenager-Dasein eintaucht. Sie kichert, sie flirtet, sie mampft Pizza - die Kamera begleitet sie in dieser ungewöhnlich verwischten Optik durch die Nacht.

Am Ende trägt Kommissar Leitmayr den vierjährigen Tim aus seinem Gefängnis. Ein paar Tage später hätte er tot sein können. Sich selbst überlassen, von einer Mutter, die 24 Stunden vorher noch alles für ihr Kind getan hätte und innerhalb eines Tages zur "Rabenmutter" mutiert ist. Ein Einzelschicksal, symptomatisch für den Zustand unserer Gesellschaft - eine großartige "Tatort"-Folge.

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