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"Tatort"-Kritik: Tödliche Schnitzeljagd durch Hamburg

Ein Kriegsopfer auf Rachefeldzug, Polizisten als Terrorausbilder. In seinem zweiten Auftrag als verdeckter Ermittler hetzt "Tatort"-Kommissar Cenk Batu die Ratten in den eigenen Reihen. Eine hochgerüstete Schnitzeljagd durch Hamburg mit bösen Erinnerungen an den Kosovo-Konflikt.

Von Kathrin Buchner

"Man muss nicht sterben, um in der Hölle zu sein", sagt Zoltan Didic (Stipe Erceg). Eine fatale Verwechslung hat das Leben von Didic zerstört. Seine Frau und sein Kind sind im Kosovo-Krieg niedergemetzelt worden. Nur, weil der Polizeibeamte Lars Jansen (Matthias Koeberlin) im Sondereinsatz bei der Suche nach einem Waffenhändler die Wohnung im falschen Stockwerk beschossen hat.

Kollateralschaden, wie es im Militärjargon meist lapidar heißt. Didic, der Psychologie studiert hat, überlebt. Die Wunden an seinem Körper verheilen, die in seinem Kopf nicht. Er plant einen perfiden Rachefeldzug. Für Jansen bleibt der Einsatz zunächst folgenlos. Doch seine Moral ist gebrochen, er verdingt sich in illegalen Nebenjobs als Terrorausbilder.

Deutsche Polizisten als Terrorausbilder

Hat Hamburgs neuer "Tatort"-Kommissar Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) in seinem ersten Einsatz als verdeckter Ermittler schon kriminelle Landsleute auffliegen lassen, wartet in "Häuserkampf" eine noch schwerere Aufgabe auf ihn: als Ratte in den eigenen Reihen Kollegen ausschnüffeln. Er soll Beamte des Hamburger Spezialeinsatzkommandos (SEK) enttarnen, die ihre Kompetenz gegen Cash in Krisengebiete verkaufen.

Krieg im eigenen Haus

Inszeniert ist "Häuserkampf" wie ein amerikanischer Thriller mit schwerem Geschütz: Bewaffnet mit Sturmmasken, Helmen und Maschinenpistolen stürmen die Polizisten das Hochhaus, in dem Didic seinen Rachefeldzug beginnt. Die kühle, moderne Optik steht in starkem Kontrast zum Mittelalter-Jargon: "Aug um Aug, Zahn um Zahn", "die Zeit des Schweigens ist vorbei". Eine starke Symbolik kennzeichnet diesen typischen Hamburger "Tatort"-Stil, der sich hier herausbildet: wie Didic sein Ei akribisch köpft, bevor er die Geisel in dem Hotelhochhaus nimmt, wie sich das Blut über sein Gesicht verteilt, nachdem er erschossen wurde. Konsequent wird die moderne Anmutung aus der ersten Cenk-Batu-Folge weitergeführt.

Denn wieder ist Batu ganz nah am Geschehen: Anstelle von Jansen, der nach einem Unfall auf der Intensivstation liegt, nimmt er die Fährte auf in dieser tödlichen Schnitzeljagd, in der Didic auch nach seinem Tod die Fäden in der Hand hält: Per Flashcard gibt der Rächer seine Anweisungen als Videobotschaft. Mit Hilfe von GPS hetzt er Batu durch Hamburg: Schanze, Winterhude, die Parkanlage Planten und Blomen. Dem verdeckten Ermittler bleibt nur wenig Zeit, Jansens Frau und Tochter von der tickenden Bombe zu trennen, an die sie Didic gefesselt hat.

Den komplexen Stoff verdichtet Regisseur Florian Baxmeyer in einen spannenden Thriller und prangert nicht nur Korruption im Polizeidienst an, sondern sendet eine weitere klare Botschaft: Dass man Krieg immer mit nach Hause nimmt - egal, wie weit weg und wie lange her der Einsatz war. Brandaktuell im Zeiten, in denen deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert sind.

  • Kathrin Buchner