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"Tatort"-Kritik: Zu cool für den Sonntagabend

Es ist ein Jammer, dass Cenk Batu das vorletzte Mal als Undercovermann unterwegs war: Denn die neuste "Tatort"-Folge zeigte, was das alte Krimischlachtross leisten kann.

Von Niels Kruse

Als der Norddeutsche Rundfunk vor wenigen Wochen bekanntgab, dass ausgerechnet Schmuseschauspieler Til Schweiger neuer Hamburger "Tatort"-Kommissar wird, witzelte das Satire-Magazin "Titanic": "Er entdeckt kurzzeitig einen zweiten Gesichtsausdruck und verwirrt dadurch den Täter so, dass der sich aus purer Verblüffung ergibt." Doch noch ist der vermeintliche Monomimiker kein TV-Ermittler, und was den Amtsinhaber Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) angeht: Auch der ist in der ARD-Krimiserie bislang nicht durch übermäßiges Grimassieren aufgefallen. So gesehen könnte Schweiger vielleicht doch ein würdiger Nachfolger des scheidenden Undercovermanns werden.

Allerdings liegt die Messlatte für den Kinostar schon jetzt ziemlich hoch und mit dem aktuellen Batu-Fall wurde sie nochmal angehoben. Denn "Der Weg ins Paradies" ist allerbeste "Tatort"-Kost: intelligent, eindringlich, wunderbar gefilmt und vor allem extrem spannend - und das (fast) ohne Leichen. Wie auch schon in der vorherigen Episode springt die Handlung immer mal wieder zwischen Gegenwart und Zukunft hin und her, um irgendwann in einem mitreißenden Erzählfluss zu münden. Regisseur Lars Becker (verantwortlich unter anderem für den Film "Kanak Attack" und die TV-Reihe "Nachtschicht") schafft es, immer zur richtigen Zeit den richtigen Akzent zu setzen, um die Spannungsschraube weiter anzuziehen.

Hochintelligent wie hocharrogant

Dabei wirkt das Thema, trotz seiner medialen Dauerpräsenz, seltsam aus der Zeit gefallen: Eine islamistische Terrorzelle will in einem großen Hotel einen Anschlag auf Bundeswehrsoldaten verüben, um so die Politik zu zwingen, den Einsatz in Afghanistan zu beenden. Vielleicht wirkt die Geschichte auch deshalb veraltet, weil Attentate radikaler Muslime aus der Mode zu kommen scheinen und sich der deutsche Afghanistaneinsatz ohnehin dem Ende zuneigt. Doch zu dieser "Tatort"-Folge passt das. Was auch daran liegt, dass Mehmet Kurtulus türkische Eltern hat, und er deshalb rein typmäßig als "klassischer" Islamist durchgeht.

Cenk Batu also wird in den Verschwörerkreis eingeschleust, um das Attentat zu verhindern. Regisseur Becker nimmt sich angenehm viel Zeit dafür, auch die Vorbereitung auf diesen heiklen Einsatz zu erzählen - aus dieser Langsamkeit entwickelt sich erst die volle Wucht dieses "Tatorts", und nebenbei bekommt der Zuschauer einen Einblick in die bizarre und komplexe Gegenwelt des Islamismus, beziehungsweise wie er sein könnte. Zumal Batus Gegenspieler, der hochintelligente wie hocharrogante Konvertit Christian Marshall (Ken Duken), den Neuen in der Terrorzelle bis zum Ende misstrauisch beäugt: Er fordert den Undercoverpolizisten auf, einen Hund zu töten, kassiert Batus Handy ein und sucht die Frau auf, die er an einem durchsumpften Kneipenabend vor dem Einsatz kennengelernt hatte.

Etwas mehr Mission-Impossible im XS-Format, bitte

Während der verdeckte Ermittler immer tiefer in die Terrorzelle vordringt, machen ihm ausgerechnet seine Kollegen das Leben schwer: Denn die Leitung des Einsatzes hat das Bundeskriminalamt übernommen. Welches Spiel der Verantwortliche (Martin Brambach) eigentlich genau spielt, bleibt lange unklar. Bis der fulminante Endspurt dieses grandiosen "Tatorts" beginnt. Der einzige, der dabei cool bleibt, ist Cenk Batu. Manchmal kann fehlendes Mimikspiel auch ein Vorteil sein.

Es ist ein Jammer, dass Mehmet Kurtulus nur noch einmal als Cenk Batu ermitteln wird. Denn die Variante eines verdeckten Ermittlers hebt sich wohltuend vom sonstigen "Tatort"- Einerlei ab. Sicher: Nicht jeder "Tatort" muss gleich in Kunst ausarten wie die jüngste Folge aus Hessen mit Ulrich Tukur oder als Comedy enden, wie die Folgen aus Münster. Oft genug reizt der "Tatort" eben wegen seiner gehobenen Mittelmäßigkeit, die niemanden über- und unterfordert und deswegen die richtige Dosis Unterhaltung für die ausklingende Woche ist. Doch einmal im Jahr etwas Mission-Impossible im XS-Format wäre schon schön.