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"Tatort"-Kritik: Gegen den Wind

Der neue Hamburger "Tatort" ist mehr Thriller als traditioneller Sonntagabend-Krimi. Mit schönen Bildern und wenigen Worten überzeugt der vierte Fall von Kommissar Cenk Batu. Man muss die moderne Machart nicht mögen - man kann aber.

Von Niels Kruse

In Cenk Batus Gesicht wuchert ein wild gewordener Dreiwochenbart. Mit einer enormen Holzkiste auf dem Trolley schlurft er durch die Ankunftshalle des Hamburger Flughafens und lächelt. Es ist ein seltener Anblick, den der Undercover-Ermittler zu Beginn des neuen Hamburg-"Tatorts" bietet: freundlich, entspannt, ausgeruht. Das ändert sich, als die Handlung jäh zu einer Kiesgrube springt, in der Kommissar Batu, nun mit Schnauzer unter der Nase, ganz offenbar wieder mittendrin ist im Sumpf des Verbrechens. Die abrupten Schnitte dürften ein Grund dafür sein, dass sich die Zuschauer mit der Krimireihe aus der Hansestadt verhältnismäßig schwer tun.

Nicht einmal sieben Millionen Zuschauer schauen sich durchschnittlich die Hamburger Folgen an, damit gehören die Fälle von Hauptdarsteller Mehmet Kurtulus zu den unbeliebtesten der Krimi-Reihe. Ganz anders noch als die beiden schunkelnden Kommissare Manfred Krug und Charles Brauer die Massen begeisterten. Doch seitdem Stoever und Brockmüller vor zehn Jahren ihren Dienst quittierten und ihnen der grießgrämige Alleinerziehende Robert Atzorn folgte, dümpelt die Quote vor sich hin. Daran konnte bislang auch der umkonzipierte "Tatort" um den Einzelgänger Cenk Batu nichts ändern. Das ist schade, weil sein aktueller Fall "Leben gegen Leben" ein guter Krimi ist, nur eben kein typischer "Tatort".

Batu gerät in Gewissensnöte

Zurück zum Anfang: Nachdem Batu aus dem Türkeiurlaub wiederkommt, wird er in eine Organhändler-Bande eingeschleust. Ein halbes Jahr lang arbeitet er als Bote und bekommt schließlich den Auftrag, das Straßenmädchen Amelie Helmann (wie immer überzeugend: Michelle Barthel) zu einer illegalen Operation zu bringen. Doch sie ahnt, wohin die Reise geht und verursacht durch einen beherzten Griff ins Lenkrad einen Unfall, den sie zur Flucht nutzt. Damit ist der Kampf gegen die Zeit eröffnet und Cenk Batu gerät im Lauf von "Leben gegen Leben" in ernsthafte Gewissensnöte.

Denn die 14-Jährige wird von Robert Feldmann (Stephan Bissmeier), dem Kopf der skrupellosen Organisation, als Ersatzteillager für die Tochter eines reichen Geschäftsmanns benötigt. Der Termin in einem mobilen OP-Saal steht bereit, und die Zeit drängt für alle Seiten: Für Feldmann, der Batu zwingt, das Mädchen schnell wieder herbeizuschaffen, ebenso für die Vorgesetzten des Ermittlers, die sie als Köder benutzen wollen, um die Bande auszuheben. Doch Batu mag das Spiel nicht mitmachen - längst hat er die 14-Jährige ins Herz geschlossen und weigert sich schlicht, sie irgendeiner Seite auszuliefern.

"Wir geben uns selbst das Recht"

Es ist einer dieser großen moralischen Fragen, mit denen sich der Kommissar konfrontiert sieht: "Wer gibt uns das Recht dazu, ihr Leben zu riskieren, um andere zu retten", fragt er seinen Chef Uwe Kohnau (Peter Jordan). "Wir uns selbst", antwortet der lapidar im Licht der Abendsonne. Für große Debatten bleibt keine Zeit. Es ist einer der wenigen Schwächen dieses "Tatorts", dass er zwar eine Reihe von Problemen anreißt (rumänische Straßenkinder, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung), ohne aber sie weiter zu vertiefen oder sie zur Handlung beitragen zu lassen. Sie dienen schlicht als Rahmen für die Jagd auf die niederträchtigen Organhändler. Und wie auch schon in den "Tatort"-Folgen zuvor hat Regisseur Nils Willbrandt mehr übrig für eine schöne, ästhetisierende Kamerafahrt als für eine gute Pointe.

Dass Bilder mehr sagen als Worte, ist dem Genre geschuldet, dem sich der NDR zu Beginn der neuen Reihe mit Mehmet Kurtulus verschrieben hat. Man wolle die traditionelle Erzählstruktur des "Tatorts" aufbrechen und Thriller inszenieren, hieß es bei den Verantwortlichen 2008, bevor Kommissar Batu das erste Mal den einsamen Ermittler-Cowboy mimte. Diesem Anspruch ist sich der Sender treu geblieben, und hat einen über weite Strecken exzellenten Nervenkitzler hingelegt. Und anders als zuvor erschöpft sich der Hauptdarsteller nicht nur im coolen Aussehen, in seinem vierten Fall lässt er sich auch menschlich auf die Umstände ein, was der Figur gut tut. Es mag das Erfolgsrezept des "Tatorts" sein, den Zuschauer sonntäglich nur leicht, aber nie zu viel zu überraschen - die Hamburger Dependance dagegen will modern sein. Das muss man nicht mögen, kann man aber.