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ARD-Berichterstattung: Der perfekte Moment zum Reinquatschen

Der EM-Fernsehmarathon ist eröffnet. Die ARD war deutlich darauf bedacht, auf dem schwierigen Parkett von Politik und Fußball nichts falsch zu machen. Doch nicht alle Kommentatoren hielten sich dran. Und dann spielte auch mal wieder die Technik verrückt.

Von Mark Stöhr

Die ARD leidet unter einer rätselhaften Krankheit: der Polyphonitis. Das ist, wenn sich zwei Tonquellen überkreuzen, die nicht zusammengehören, und das eine Ohr dahin hört und das andere dorthin und der Kopf dazwischen gar nichts mehr kapiert. Mehmet Kurtulus wurde kürzlich so sein Abgang aus dem Hamburg-Tatort gründlich versaut: Cenk Batu lag im Sterben und Jörg Schönenborn stand im Wahlstudio in Kiel. Gestern grätschte Sportreporter Matthias Opdenhövel den Rappern von Blumentopf mitten in den Reim. Ein klares Foul!

Blumentopf sangen gerade ihren neuen EM-Song ("Es geht wieder los / Es wird endlich gekickt / Wir sind wie, wir sind was? / Wir sind Fußballverrückt"), als das Gemurmel von Opdenhövel aus dem Off auftauchte. Der stand – man hatte ihn schon vorher dort gesehen – vor dem Hotel der deutschen Nationalelf in Lemberg und gab Regieanweisungen: Ein schöner Schwenk sollte es werden vom Mannschaftsbus mit der Erbauungslosung "Von Spiel zu Spiel zum großen Ziel" hinunter zu ihm. So kam es dann auch, doch die Frage blieb: Wird die ARD-Tontechnik nochmal fündig auf der Suche nach ihrer Form?

"Es gibt noch viele Baustellen, nicht nur im Straßenverkehr"

Opdenhövel ist der Hofberichterstatter der Deutschen. Das bedeutet, dass er sehr oft zu sehen sein wird in nächster Zeit. Gestern baute er sich mit seinem einstudierten Spitzbubengrinsen zunächst vor dem Stadion ("Gerade noch fertig geworden") und dann drinnen auf, wo Jogi & Co. ihr Abschlusstraining absolvierten. 15 Minuten durfte die Presse zugucken, das "Erste" glitt mit der Kamera minutenlang an den Gesichtern und Waden der Kicker entlang und las darin "die Vorfreude und Anspannung" vor dem Auftakt heute gegen Portugal. Opdenhövel glaubte sogar zu wissen, wie der häufigste Satz in den Ansprachen des Trainers lautet: "Ihr seid besser!" Der ist noch lahmer als der Spruch auf dem Bus.

Deutsche Dichter und Denker auch an den Schauplätzen der ersten beiden Partien. Das Team Delling/Slomka parlierte in Warschau, wo die Polen das Eröffnungsspiel gegen Griechenland bestritten. Mit Mirko Slomka kann man über alles reden: über Land und Leute ("Die Polen geben sich strahlend und offen"), über Janukowitsch, über Flicks "Stahlhelm aufsetzen und groß machen"-Affäre und natürlich über Fußball – der 44-Jährige findet immer den passenden Ton. Gerhard Delling ließ sich von der Bedächtigkeit des Hannover-Coachs anstecken, verzichtete auf seine berüchtigte Slam Poetry und erlaubte sich nur einen Ausflug aus dem Protokoll der Artigkeiten, als er nach dem Spiel witzelte: "Für alles, was mit Euro zu tun hat, liefern die Griechen die Schlagzeilen."

Denn die griechische Elf hatte den Gastgebern etwas überraschend ein Remis abgetrotzt. Der Ausgleich fiel just in dem Augenblick, als sich Kommentator Tom Bartels zum wiederholten Mal despektierlich über die Spielanlage der Hellenen geäußert hatte ("sehr statisch") und messerscharf daneben analysierte: "Die Polen brauchen nicht viel Fantasie, um zu sehen, was da kommt." Fortan war Griechenland für ihn nur noch der "Partyschreck". Doch auch Polen bekam sein Fett ab, ganz am Ende in seinem Schlussfazit: "Es gibt noch viele Baustellen, nicht nur im Straßenverkehr." Auf dem Platz hätte er dafür die gelbe Karte gesehen.

"Die alten Männer können hinreißend Fußball spielen"

Was man Bartels jedoch zugute halten muss: Er hat ein Gespür für die Dramaturgie eines Spiels. Er weiß, wann der Zuschauer eine Information braucht, wann eine Emotion, wann auch mal nur Schweigen. Dieses Gespür geht seinem Kollegen Steffen Simon völlig ab. Er ist nie richtig drin im Spiel, sondern schaut nur drauf. Selbst der hitzigste Schlagabtausch wird bei ihm zur Schachpartie. Bei der Begegnung zwischen Russland und Tschechien hatte er nur ein Thema: das hohe Durchschnittsalter der Russen, nämlich 30,5 Jahre. Dafür fand er laufend neue Synonyme: "Ü30-Mannschaft", "russische Rentnerband", "Altherrenmannschaft". Beim Einwurf eines Russen sagte er: "Er lässt den vielen älteren Herrschaften um ihn herum Zeit, langsam nachzurücken."

Dahinter wollte natürlich auch Reinhold Beckmann im anschließenden Expertentalk nicht zurückstehen. "Die alten Männer können einen hinreißenden Fußball spielen", verkündete er und legte seine Stirn in Falten, als habe er etwas Bedeutendes gesagt. Beckmann spricht immer wie mit einem Cognac Shaker in der Hand, die Analyse überlässt er Mehmet Scholl, dem straighten Weißbiertrinker. "Warum mögen wir den russischen Fußball so sehr?", fragte er einmal mit großer Geste und Scholl schaute ihn an, als wollte er sich den Reißverschluss seiner Jacke augenblicklich bis zur Stirn hoch ziehen. Das, Herr Opdenhövel und liebe Tontechniker der ARD, wäre der perfekte Moment zum Reinquatschen gewesen!

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