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"Tatort"-Kritik Zerbrechliches Familienglück


"Der Fall Reinhardt" beschreibt das Ende einer Familie, die eigentlich alles hatte. Das Kölner Ermittlerduo blickt hilflos auf die Tragödie. Ein guter, aber wirklich trauriger "Tatort".
Von Viktoria Meinholz

Er weiß nicht, wie sie ihren Kaffee trinken. Für wen das Lachsbrötchen ist. Oder wie der Kollege von der Brandermittlung heißt: Der Neue bekommt in seinem ersten "Tatort" so manchen bösen Blick zugeworfen. Dabei macht Assistent Tobias Reisser (sympathisch gespielt von Patrick Abozen) seine Sache gut, spürt Zeugen auf und ist immer zur Stelle. Doch Franziska fehlt. Ein Foto von ihr hängt im Präsidium, es ist nur einmal kurz im Bild. Auch gesprochen wird nicht über die langjährige Assistentin von Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), die in der vergangenen Folge qualvoll starb. Präsent ist sie trotzdem, die ganzen neunzig Minuten über.

Es sind bedrückende, traurige anderthalb Stunden. Und das nicht nur durch das Fehlen von Franziska. Auch der Fall, mit dem es die Kölner-Kommissare aufnehmen, ist tieftraurig: Bei einem Feuer kommen drei Kinder ums Leben. In der Rhein-Metropole geht ein Brandstifter um, es ist das erste Mal, dass Opfer zu beklagen sind. Ballauf und Schenk finden die Mutter der Kinder nicht weit von ihrem zerstörten Heim. Karen Reinhardt (Susanne Wolff) hat eine leichte Rauchvergiftung, ist verwirrt und schreit nach ihrem Mann. Doch den hat am Kölner Stadtrand schon lange niemand mehr gesehen.

Das Ende einer Familie

Die Suche nach Gerald Reinhardt beginnt. Ben Becker spielt den Mann, der in Holland ein neues Leben begonnen hat, sehr überzeugend. Reinhardt hat seine Familie im Stich gelassen und wirkt auch sonst nicht gerade wie der nette Mann von nebenan. Jeden Moment scheint er kurz vor der nächsten Explosion zu stehen. So wird er ganz leicht zum Lieblingsverdächtigen der beiden Kommissare. Die suchen schnell nicht mehr nach einem Brandstifter, sondern versuchen, das Drama um die Familie Reinhardt zu verstehen.

Karen Reinhardt ist dabei zunächst keine große Hilfe. Sie steht unter Schock, hat die letzten zwei Jahre, das Verschwinden ihres Mannes, komplett ausgeblendet. Susanne Wolff spielt die verzweifelte Mutter so überzeugend, dass sich ihr Kummer auf den Zuschauer überträgt. Das Leid über ihr missglücktes Leben ist in ihren Augen zu sehen - zusammen mit der Frage, wie es so weit kommen konnte.

Schließlich hatte die Familie doch alles: ein Pferd für die eine, besondere Förderung für die andere Tochter. Die Mutter lebte einzig für ihre Familie, der Vater war erfolgreich im Beruf. Als das endet, er seinen Job verliert, beginnt die Fassade der perfekten Familie zu bröckeln. Er findet keine neue Stelle, beim Arbeitsamt rastet er aus und bedroht eine Mitarbeiterin. Er fängt an zu trinken, verliert jeden Halt. Seine Frau versucht mit aller Macht den Schein aufrecht zu halten, erfindet Dienstreisen in ferne Länder.

Schwierige Frage nach der Schuld

Doch die Familie ist am Ende, zerstört sich selbst. Die Kommissare müssen für die Aufklärung des Falles nicht mehr viel tun, die losen Fäden fügen sich fast von allein zusammen. Der Brandstifter wird gefunden, mit dem Feuer bei den Reinhardts hat er allerdings nichts zu tun. Die Kinder wurden vor ihrem Tod mit Schlaftabletten betäubt. In der Jackentasche von Gerald Reinhardts neuer Freundin (Elzemarieke de Vos) finden sich die dazu passenden Tabletten, sie gehören Reinhardt. Aber als die Eltern im Präsidium aufeinander treffen, ist es nicht er, der gesteht. Karen Reinhardt hat das Ende ihrer perfekten Familie nicht verkraftet und wollte mit dem Feuer eigentlich auch sich selbst töten.

Wie zerbrechlich das Glück ist, zeigt die Geschichte der Familie sehr eindringlich. Man hat Mitleid mit den verzweifelten Eltern, möchte ihr Elend aber lieber nicht zu nah an sich heranlassen. Zu real ist der Absturz des wohlhabenden, gebildeten Paares erzählt. Die Trauer der beiden Kommissare, die teilweise wie in Watte gepackt wirken, tut ihr Übriges, um diesen "Tatort" zu einem guten, aber hoffnungslosen Film zu machen. Selbst die traditionelle Currywurst an der berühmten Frittenbude am Rhein fällt aus. Happy End sieht anders aus.


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