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"Tatort"-Kritik: Zu viel des Guten

Der Fall in Leipzig stellt Kommissarin Eva Saalfeld neben einem Mordfall auch vor persönliche Herausforderungen. Das ist leider zu viel Stoff für 90 Minuten "Tatort".

Von Dominik Brück

Kein guter Start für Kommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla, r.) und ihre Schwester Julia (Josephine Preuß).

Kein guter Start für Kommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla, r.) und ihre Schwester Julia (Josephine Preuß).

Weniger ist oft einfach mehr - diese Binsenweisheit trifft auch auf den neuen "Tatort" des Leipziger Ermittlerteams zu. Die Produzenten haben für einen knapp 90 minütigen Krimi zu viele Handlungsstränge eingebaut. Das macht "Türkischer Honig" für den Zuschauer teilweise nicht nur schwer verständlich, sondern trägt auch dazu bei, dass die Beziehungen zwischen den Personen oft farblos bleiben. Auch die langen Dialoge schaffen es nicht, den Emotionen der Charaktere ausreichend Raum zu geben. Stattdessen ziehen sie weite Strecken des "Tatorts" in die Länge. Der eigentliche Fall gerät dabei oft in den Hintergrund - selbst die überraschende Wendung rettet die Spannung am Ende nicht.

Entführung, Mord und Familiendrama

Sieht anfangs noch alles nach einem klassischen Entführungsfall aus, so entwickelt sich die Handlung schnell zu einer Kombination aus Mordermittlung und Familiendrama. Im Zentrum des Ganzen steht Julia (Josephine Preuß), die Schwester von Kommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla). Als wäre die Beziehung der beiden Schwestern durch Julias Lügen und ihre vorgetäuschte Entführung nicht kompliziert genug, spielt auch noch die kriminelle Vergangenheit ihres Vaters eine Rolle. Allein der Familienkonflikt bietet Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Beim Leipziger "Tatort" kommen aber noch der Mord des türkischen Geldverleihers Abdul Günes (Mohammad-Ali Behboudi), dessen schwierige Beziehung zu seinem Sohn Ersoy (Denis Moschitto) und die Verwicklung von Julias Onkel Hamid (Tayfun Bademsoy) in die Geschichte hinzu. Auch der zweite Ermittler des Leipziger Teams, Andreas Keppler (Martin Wuttke), wird mit einem eigenen Handlungsstrang bedacht und baut eine besondere Beziehung zu Ersoy auf, ohne dass der Zuschauer die genauen Gründe dafür erfährt.

Starke Schauspieler

Trotz der vielen kleinen Geschichten und Beziehungsgeflechte passt am Ende des Leipziger "Tatorts" doch noch alles zusammen. Die Geschichte wird abgeschlossen, ohne dass es viele offene Fragen gibt. Einzig der Konflikt zwischen Saalfeld und ihrer Familie wird die Zuschauer wohl auch in kommenden Fällen der Ermittlerin beschäftigen. Das ist auch gut so, weil der aktuelle Tatort bei weitem nicht genug Raum für die schwierige Beziehung der Geschwister mit ihrem Vater bietet.

Gerade aufgrund der teils verworrenen Handlung verdienen die Schauspieler ein großes Lob. Es gelingt sowohl Simone Thomalla als auch ihrem Kollegen Martin Wuttke in den Dialogen ein breites Portfolio an Gefühlen glaubhaft darzustellen. Der Zuschauer fühlt tatsächlich mit, wenn Ermittlerin Saalfeld in verzweifelte Wut über ihren Vater ausbricht, oder Kommissar Keppler versucht sich in die Gefühle des jungen Ersoy hineinzuversetzen. Es ist schade, dass die vollgepackte Handlung den Schauspielern nicht mehr Raum gelassen hat, sich stärker zu entfalten.

Kein spannender Fall

Nicht nur die Darstellung der Beziehungen, auch der Fall an sich leiden unter der überfrachteten Handlung von "Türkischer Honig". Die vorgetäuschte Entführung von Julia klärt sich fast von selbst auf und der Mord an Abdul Günes erscheint eher als schmückendes Beiwerk der Familiengeschichte von Eva Saalfeld. Auch wenn am Ende überraschend Julias Onkel als Mörder entlarvt wird, sind die Ermittlungen an sich für den Zuschauer nicht wirklich spannend - besonders da sie immer wieder durch lange Dialoge unterbrochen werden, die für die Beziehungen der Charaktere zueinander wichtig sind. Es wäre schön gewesen, wenn man sich dafür entschieden hätte, entweder die Beziehung von Saalfeld und ihrer Schwester oder den Mordfall in den Mittelpunkt zu stellen. In Kombination mit den übrigen Handlungssträngen kommt so weder das eine noch das andere richtig zur Geltung. Am Ende bleibt ein mittelmäßiger Tatort mit einigen Längen, den man aufgrund der guten schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller aber durchaus anschauen kann.