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"Tatort"-Kritik: Die leidige Misere mit der Stasi-Vergangenheit

Autoschieberei, Erpressung, Raub - die Motive für einen Mord können so simpel sein. Im Leipziger "Tatort" "Nasse Sachen" ist der Auslöser für die Bluttaten jedoch weitaus komplexer.

Von Swantje Dake

Wird von längst vergangenen Ereignissen eingeholt: Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla)

Wird von längst vergangenen Ereignissen eingeholt: Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla)

Die Szene strotzt vor Melodramatik: Ein Vater, längst ergraut, streckt die Arme seiner Tochter entgegen, demütig den Kopf gesenkt. Sie blickt ihn fassungslos, geradezu paralysiert, mit großen Augen an. Hatte sie ihn doch seit Jahrzehnten tot geglaubt, an seinem Grab gestanden. Erschossen wurde er im Polizeidienst. Streichermusik beschwört Unheil herauf. Die perfekte Szene für einen schnulzigen Sonntagabendfilm. Der kommt doch aber bei der Konkurrenz im ZDF und ist nicht Bestandteil des "Tatorts"!

Vom Stasi-Spitzel zum Autoschieber

Dennoch, Zeitverschwendung war die in Wiederholung gezeigte "Tatort"-Folge "Nasse Sache" (Erstausstrahlung: Pfingsten 2011) weiß Gott nicht. Ganz im Gegenteil: Eva Saalfeld und Andreas Keppler sind herrlich. Sie liefern sich die bekannten Sticheleien eines alten Paares ("Im Ballastabwerfen bist du ja Weltmeister"), stets bemüht, Mitgefühl oder gar Gefühle für den anderen im Zaum zu halten. Bis weit über die Hälfte macht der "Tatort" auch inhaltlich Spaß. Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) ermitteln in einem Mordfall, der auf den ersten Blick mit Autoschieberei in Verbindung steht. Der Gebrauchtwagenhändler Jannis Kerides liegt tot auf der Straße im Industriegebiet. Der Partner des Zyprioten, Georg Hantschel, gerät in Verdacht. Kerides Mörder ist jedoch sein Angestellter Walter Rimbach. Als das für Saalfeld und Keppler feststeht, ist auch dieser bereits tot.

Ein Krimi - zu Höherem berufen

Ein simpler Krimi hätte Rimbach nun als Opfer seines Mitwissertums von den dunklen Geschäften seines Chefs konstruiert. Gelegentlich fühlen sich die Drehbuchautoren der Krimiserie aber zu Höherem berufen und beackern gesellschaftspolitische Themen. So auch Andreas Knaup, der das Thema Stasivergangenheit in seinen ersten "Tatort" presst. Dafür wird munter konstruiert: Mörder und Opfer Rimbach war einst Polizist und als Handlanger der Stasi am Tod eines Regimegegners beteiligt. Dessen Sohn sinnt knapp 30 Jahre später auf Rache – die Erklärung für Rimbachs Tod.

Um zu klären, warum Rimbach Keridis erschlug, wird weiter konstruiert: Neben Rimbach war an dem Tod des Regimegegners auch Eva Saalfelds Vater verwickelt. Frau Hauptkommissarin staunt, so wie der Zuschauer, über den Verlauf der Geschichte. Saalfeld muss verkraften, dass ihr Vater nicht nur Polizist, sondern als Stasioffizier für "nasse Sachen", für die unangenehmen Aufträge bis hin zum Mord, zuständig war. Nach dem tödlichen Schuss setze er sich nach Zypern ab und finanzierte seinen Unterhalt mit Geldwäsche, Immobilien- und Waffengeschäften. Doch sein zweites Leben drohte aufzufliegen: Rimbach erpresste ihn mit Unterlagen der Birthler-Behörde. So schließt sich der Kreis unter Ächzen und Stöhnen.

Saalfeld gewinnt die Fassung zurück

Sicherlich, das Leben hält Irrungen und Wirrungen bereit, verschlungene Pfade und absurde Anekdoten. Nicht doch aber ein Sonntagabendkrimi! Die Wendung, die "Nasse Sache" nimmt, ist grotesk. Die Beweisführung fürchterlich konstruiert und verquer. Zu oft mühen sich Drehbücher ab, die DDR-Vergangenheit oder die Wende zu thematisieren. "Nasse Sache" ist ein gutes Beispiel dafür, wie man einen gut unterhaltenden Krimi kaputt-konstruiert. Wenigstens gewinnt Eva Saalfeld nach Sekunden des paralysiert Dreinblickens wieder ihre Fassung, überwältigte ihren Vater, lässt ihm keine Entschuldigung ("Ich habe es nur für euch getan") durchgehen und verhaftet ihn dann gemeinschaftlich mit Keppler.