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Simone Thomalla: Sie wäre dann jetzt so weit ...

Auch wenn das Handgemenge mit ihrem Ex Rudi Assauer für Negativ-Schlagzeilen sorgte - seit Simone Thomalla als "Tatort"-Kommissarin glänzt, wird sie endlich als ernsthafte Schauspielerin akzeptiert. Die einstige "Schnuckelschnute" freut sich über die Image-Korrektur und auf richtig gute Rollen.

Von Helge Hopp

Super, klasse, was für ein Glück, freut sich Simone Thomalla. Die Angebote sind deutlich weniger geworden zuletzt. Wie bitte? Seitdem die 44-Jährige im Mai 2008 zur Leipziger "Tatort"-Kommissarin Eva Saalfeld befördert wurde und mit Martin Wuttke als Kripo- Partner Quoten von durchschnittlich acht Millionen Zuschauern erreicht, ist sie, jawohl, ein Star. Dem trägt man nicht mehr irgendwelche als Rollen getarnte Beleidigungen an. Noch schöner: Sie wird immer beliebter. Das Publikum hat sie ins Herz geschlossen, diese patente Frau, nicht zaghaft, nicht verkopft, nicht scheu - im Leben wie im Krimi. Die als Parade- Pose - etwa in Pausen am Set - einen leicht angesexten Cowgirl- Auftritt beherrscht, der den Jungs ansagt, sie könne die Pferde sehr wohl alleine stehlen. Wenn es ernst wird, kann sie aber auch sehr nervös sein. Wie im vergangenen Jahr - noch vor der Ausstrahlung ihres ersten Falls - bei der Hamburger "Tatort"-Jubiläumsparty: Noch ganz neu wirkte sie, kleiner als gewohnt sah sie aus. Fast schüchtern erzählte sie, Dominik Graf habe sie gelobt.

Ein Jahr später ist sie ein Jahr berühmter. Ist gewachsen. Sogar Angebote, die sie nicht sooo schlecht fand, hat sie jüngst abgelehnt - sie staunt selbst. Bei einem TV-Film wollte man ihre Gage massiv drücken, bei einem Werbespot fand sie das Skript zu dürftig. Das Wort von der "Spätstarterin" hört sie nicht gern. "Spätmerkerin" gefällt ihr besser, oder "Spätannehmerin". Denn als der "Tatort" gut lief, hat sie Quote und Lob "darauf geschoben, dass es der 700. Film in der Reihe war, der ja auch ausgiebig promotet wurde". An der Erkenntnis, nun in einer anderen Liga zu spielen, arbeitet sie noch. In einer Liga nämlich, die Besuche bei so groteskem TV-Unfug wie "The next Uri Geller" ausschließen sollte. Erst allmählich entfernt sie sich von jenen Filmen, in denen ihr Talent vor allem dazu diente, ihre eigene Langeweile zu verbergen. So betrachtet die Aufsteigerin erfreut das Zerbröseln der Thomalla- Klischees: "Große Augen, großer Mund, sonst nicht viel. Die Hübsche. So Zeug. So'n Quatsch auch." Sie hat "das Gefühl, ich werde immer besser - vielleicht krieg ich ja mit 100 den Oscar".

Klar ist, dass sie weit mehr zu spielen vermag als das fröhlich erotische Leckerli. Doch im "Tatort" halten die Autoren sie bislang an der kurzen Leine - so gelingen nur kleine Schritte in die richtige Richtung. Wie gut sie wirklich ist, wird sich noch herausstellen. Man muss es sie aber auch zeigen lassen. Bei anderen Projekten lässt man sie jetzt früh bei der Rollenentwicklung mitreden oder sogar ausbrechen aus den bisherigen Rollenmustern. So wie in "Bis aufs Blut", einem harten Abschlussfilm von Ludwigsburger Filmhochschülern. Da spielt sie, mit verquollenem Gesicht, Prellungen und blauem Auge eine Mutter, die mitansehen muss, wie ihr Teenie-Sohn auf die schiefe Bahn gerät.

Solche Nachwuchsförderung deutet sie zur cleveren Altersvorsorge um: Sie helfe dem jungen Autor und Regisseur Oliver Kienle, auf dass der sie später, wenn er berühmt ist, aus Dankbarkeit besetzt - am liebsten als wilde Oma. Am Set in Würzburg, inmitten junger Enthusiasten, die sie seufzen lassen, weil sie ahnt, wie denen das bald, nur zu bald, gründlich ausgetrieben werden wird, ist sie gar nicht Star. Sie hilft, berät, schlägt vor, eine strikt teamorientierte Besserwisserin. Die Annahme, dass sie neben einer munteren Koketterie, die erfreulich auch ins Selbstironische flattert, das Kämpferische pflegt, lässt sie zu. "Eine gewisse Zähigkeit, na gut, die habe ich. Man kriegt mich nicht so schnell klein. Und es könnte schon sein, dass die Kombination aus früh selbstständiger Ost-Frau und alleinstehender Mutter das gefördert hat. Man prägt aus, was man braucht. Aber im Kern bin ich ein rührseliges Muttertier."

Das zeigt sich, wenn sie über Tochter Sophia spricht, 19, als "Commissario Laurenti"-Tochter bereits im Fernsehen aktiv - und jüngst von "Bild" auf Platz zwei der erotischsten deutschen Frauen gewählt. Mama Thomalla, respektabel auf Platz 17 notiert, schaudert es beim Gedanken, die Kleine könnte das ernst nehmen und sich für wichtig halten. Da kommt die Wertkonservative durch, die predigen will: Ach, Kind, leiste doch erst mal was. Für Simone Thomalla war der Weg zum Erfolg weder schnell noch gerade. Es gab Tage, da war selbst die Vorstellung davon weit entfernt. Tage, an denen sie dachte: Na, toll - da hast du dich durch diese Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Ost-Berlin gequält, hast geschluckt, als die Bonzen dir die paar Stunden vorhielten, die du geschwänzt hast, als es Mama schlecht ging. Die dich nicht zur kranken Oma in den Westen reisen ließen, während sie selbst eilig nach Paris mussten. Hast dich nur mäßig trösten lassen, wenn die Jungs in der Klasse, darunter Jan Josef Liefers, Götz Schubert und Tobias Langhoff, so nett schwärmten, nach all den kräftigen "LPG-Mädels" hätten sie endlich einen "Dallas"-Jahrgang mit so vielen Schönheiten. Hast beim Absolventen- Vorspiel alles gegeben unter den Augen der versammelten Intendanten der Republik - und wo bist du gelandet? Beim Dresdner Kinder- und Jugendtheater.

Drei Jahre also Bären, Hasen, Igel, bestenfalls Prinzessinnen - sonst hätte es kein Diplom gegeben. Das war 1987. Der Mann, der ihr half, war Michael Funke, Regieassistent beim großen Wolfgang Engel. "Der hat in mir die Spielfreude geweckt", sagt sie. Und er holte sie zu den "Erwachsenen", wo sie in "Medea", in "Kabale und Liebe" und die Wendla in "Frühlings Erwachen" spielte. Ein paar Fernsehrollen noch beim DFF, dann ein so rascher wie ungeplanter Abschied von der Bühne. Simone Thomalla, frohen Mutes, einsatzwillig und furchtlos, wurde zum Darling in dem, was man seit den Neunzigern in deutschen Sendern für flotte Liebeskomödien hielt. Die Filme hießen gern "Männer aus zweiter Hand", "Fremde Frauen küsst man nicht" oder "Entführ' mich, Liebling", und so bemüht waren sie auch. Simone Thomalla spielte die guten Frauen: die Lehrerin, die Kinderärztin, die Polizistin, die Staatsanwältin. Warme, weiche Frauen, die immer irgendwas reparieren, zur Belohnung gab's den einen oder anderen Kerl zum Kuscheln.

Dann stand sie wieder auf einer Bühne, bekam einen Preis - die Goldene Kamera in der sonderbaren Kategorie "Bester Prominenten- Werbespot". Gemeinsam mit ihrem Gefährten, dem Fußballmanager Rudi Assauer, wurde sie für Spots ausgezeichnet, in denen sie ihm unter anderem das letzte Bier im Kühlschrank wegtrinkt. Wieder ganz toll, kam ihr da in den Sinn, man spielt sich Jahre, ach was, jahrzehntelang wund, und was bleibt? "Sie sind doch die Frau aus der Bierwerbung?" Das war 2006. Es gab Fortsetzungen, darunter die sprichwörtlich gewordene Mahnung "Nur gucken, nicht anfassen", dann der "Tatort" - und im Januar 2009 die Trennung des Paares Thomalla/Assauer. Am 1. April 2000 - kein Scherz - hatten sich Assauer und Thomalla bei einem Boxkampf kennengelernt. Er war forsch, sie verwundert, doch fasziniert. "Ich brauche einen starken Widerpart", erklärte sie noch im Sommer 2008, "ich käme mit einem Mann, der mir oft nachgibt, womöglich nicht zurecht."

Und wenn er nie nachgibt? Der sich - Achtung, Kalauer - nur rudimentär für ihr Leben interessiert? Das Paar kam zurecht, solange Assauer der mächtige Manager bei Schalke 04 war - bis vor drei Jahren. Man neckte einander beharrlich, lebte die ruppige Zweisamkeit in öffentlichen Pointengewittern aus. Als sie gefragt wurde, ob der Rudi sich über die "Tatort"-Chance freue, merkte sie kühl an, das geschehe allenfalls "innerlich". Wo anfangen, wo aufhören in der Chronik der Sticheleien? Sein böser Scherz, nun würde sie auch mal Geld in den Haushaltstopf einspielen, muss sie stark gekränkt haben. Ihr Aufstieg, darf man kombinieren, hat der fragilen Machtbalance der beiden Alpha-Menschen den Rest gegeben. Im Januar zog sie nach Berlin, erschöpft von all den Abenden, an denen sie den Kampf gegen Fernseh-Fußball verlor. "Es gab einen Alltag voller Spannungen, der keinem gut bekam", erklärt sie, "für mich war es irgendwann nicht mehr der richtige Platz, nicht mehr das richtige Leben." Es ging nicht mehr miteinander, aber auch ohne einander scheint es nicht so ganz zu funktionieren. In der letzten Woche sah man Fotos, die das einstige Paar in einer handfesten Auseinandersetzung zeigten. Auf Sylt waren Rudi Assauer und Simone Thomalla so heftig aneinander geraten, dass die Polizei sich der Sache annehmen musste.

Das Neu-Single-Dasein hat Tücken. Natürlich hat Thomalla auch andere Männer getroffen, aber sie ist nicht auf der Suche, und "so viele tolle Kerle laufen nun echt nicht rum, die womöglich auch mit 'ner starken Frau klarkommen." An manchen Abenden ist es "verdammt ungewohnt, so nur mit mir allein zu Hause. Ich gebe zu, dass ich lernen muss, es schön zu finden … allein in meiner tollen, neuen Wohnung". Kein böses Wort über Rudi, auch wenn sie von Reportern so belagert wird, dass sie mit handgreiflicher Gegenwehr liebäugelt: "Wir sind uns immer noch sehr verbunden, ich bin ja nicht aus einer grausamen Ehehölle entflohen." Man telefoniert regelmäßig, der Rest findet sich, so sich noch etwas finden soll, trotz Behinderungen.

"Keine freundschaftliche Annäherung ohne Spekulationen oder reißerische Titelzeilen", fasst Thomalla die öffentliche Aufsicht zusammen. Genug gejault jetzt, das liegt ihr nicht so. Voran zu den ersehnten komplizierten Charakteren, den gebrochenen Figuren, den düsteren Damen. Hoffen auf eine richtige Auszeichnung. Oder lieber nicht? Schließlich handelt ihr übelster Albtraum davon, dass sie einen Filmpreis als beste Schauspielerin bekommt, "und dann geht durch den ganzen Saal ein unverständiges Raunen". Wäre ein echtes Pfeifkonzert nicht schlimmer? Nein, "das wäre dann fast schon besser", findet sie, die eben doch nicht folgenlos mit einem Fußballer gelebt hat, "so ein ,Pah!‘-Gefühl wie bei einem hart erkämpften ,Auswärtssieg‘, das ist fast schon wieder gut!" Den Preis übrigens, "den würde ich schon nehmen, so oder so".

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