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"Tatort"-Kritik: Thomalla und die unsichtbaren Frauen

Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Der Leipziger Tatort taucht ab in die Lebenswelt von Singlefrauen um die 40 - und stolpert über gestelzte Dialoge und durchschnittliche Schauspielleistungen.

Von Jens Wiesner

Das letzte Wort im "Tatort" hatte heute Maxim Gorki: "Was schön ist, bleibt schön, auch wenn es welkt. Und unsere Liebe bleibt Liebe, auch wenn wir sterben." Nach anderthalb Stunden, in denen wir Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) in die Welt der Singlefrauen um die 40 begleitet haben, klingen diese Sätze nur noch zynisch und hohl.

Aber leider auch eine Spur zu dick aufgetragen und bemüht. Wie irgendwie alles in diesem Krimi aus Leipzig, der jedes Experiment scheute und sich auf ureigenes "Tatort"-Terrain zurückzog: "Frühstück für immer" benutzt einen Mordfall als Vorwand, um Missstände in einem bestimmten sozialen Milieu aufzuzeigen. Und so finden sich ausgerechnet Saalfeld und Keppler, die beiden Ermittler, die einmal ein Paar waren, in der Welt der Ü40-Partys, Schönheitschirurgen und Flirtcoaches wieder.

Es hätte eine tieftraurige und bewegende Studie in Sachen Einsamkeit, gesellschaftlicher Erwartungen an Frauen und ihren Umgang damit werden können. Doch wie so oft stolpert der "Tatort" über seinen eigenen Anspruch und versucht, Moral mit dem Holzhammer einzubläuen.

Dialoge wie gedruckt

"Wenn wir in ein gewisses Alter kommen, dann verschwinden wir Frauen einfach so aus den Blicken der Männer. Das ist dann manchmal so, als wär' man gar nicht mehr da", führt eine Freundin der Ermordeten Keppler und Saalfeld in die Lebenswelt der partnerlosen Ü40-Frauen ein. Und für alle, die es bis dahin nicht verstanden haben, wird die Tochter des Mordopfers später noch deutlicher: "Wenn man es als Frau mit 50 noch nicht geschafft hat, dann ist der Reiz weg, dann ist man alt und welk, dann verfault man ganz langsam. Weil alles sich abbaut. Dann modert man von innen heraus." Ähnlich elegant hatten He-Man und Konsorten einst die Moral ihrer Zeichentrickabenteuer am Ende jeder Folge präsentiert.

Dabei sind die Dialoge in diesem "Tatort" nicht grundsätzlich schlecht oder plakativ. Sie stünden nur einem Roman besser zu Gesicht. Um als glaubhaftes Gespräch zwischen zwei Menschen durchzugehen, klingen sie viel zu künstlich, zu berechnend, zu sehr nach Schriftsprache. Besonders deutlich zeigt sich dies, wenn die 21-jährige Tochter der Ermordeten ihren Mund öffnet, die ihre Jugendsprache offenbar direkt aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman gelernt hat ("Dann sind wir ins Gespräch gekommen und seitdem sind wir ein Paar", "Weil ihr Not auf der Stirn geschrieben stand!") Oder wenn der schmierige Flirtcoach in einem extrem gekünstelten, von Anglizismen durchsetzten Slang daherredet ("Mich interessiert immer nur das Game, der Approach. Ob ich danach noch 'nen Close Fuck habe, ist mir doch im Prinzip egal.")

Gefühlsausbruch auf Knopfdruck

Diese Distanz macht es unglaublich schwer, Gefühle für die Figuren auf dem Bildschirm zu entwickeln, ihre Leiden wirklich zu spüren und nicht nur intellektuell zu begreifen. Zurück bleiben keine Charaktere, sondern seltsam kalte Abziehbilder: Die traurigen Mittvierziger-Damen, die reihenweise Kerle abschleppen und sich insgeheim nach der großen Liebe sehnen. Der Whiykeyglas-schwenkende Schönheitschirurg, der den Kummer der Damen ausnutzt, um seine eigene Macht- und Lustspiele zu befriedigen. Der machohafte Jüngling mit dem nackten Oberkörper, der aus jeder Pore das Wort "Arschloch" ausschwitzt. Der Liebescoach mit seinem Hokus-Pokus-Koitus-Programm.

Bleibt die Frage, ob lebensnähere Dialoge allein die Geschichte gerettet hätten. Denn auch bei den schauspielerischen Leistungen haperte es diesmal leider - nicht nur bei Simone Thomalla, deren Spiel schon immer etwas hölzern wirkte. Große Gefühle zu zeigen, ist schon im wahren Leben nicht leicht. Ungleich schwieriger wird es, extreme Gefühlsausbrüche wie Weinkrämpfe und Wut glaubhaft zu simulieren. Zu laut, zu theatralisch geschluchzt, kann die tragische Stimmung schnell in unfreiwillige Komik abgleiten. Leider passiert genau das gleich mehrfach in diesem "Tatort". Nur wenige der Tränen, die in den 90 Minuten vergossen wurden, konnten mich überzeugen, geschweige denn berühren. Stattdessen blieb mein Herz seltsam kalt - selbst bei Szenen, die mich eigentlich im Innersten verstören sollten.

Besser ein Ende mit Schrecken ...?

Wenn die Leipziger Ermittler so weitermachen, ist es wirklich nicht schade, dass Thomalla und Wuttke gehen müssen. Aber greifen wir nicht vor: Zwei Folgen mit Saalfeld und Keppler stehen vor dem großen Neustart 2016 noch aus. Und vielleicht überraschen mich die beiden ja doch noch im Endspurt mit einer spannenden und emotional packenden Story. Ich würde mich zumindest freuen, wenn der Funke nach Leipzig endlich überspringen würde.