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Kritik zum Münchner "Tatort": Leitmayrs Leiden

Es gab viele mittelmäßige "Tatorte" aus München. Dieser ist es nicht - weil die Kommissare auch ihre eigenen Dämonen besiegen müssen.

Von Esra Özer

Das ist nicht Franz Leitmayrs Tag, er hat Zahnschmerzen, aber die Schmerzen werden bald sein kleinstes Problem sein. Denn Leitmayr tötet einen Mann, seinen Nachbarn. Ein Fall von Notwehr, zweifellos, aber: Das Opfer hatte nur ein Revolver-Replikat in der Hand - was ein altgedienter Kommissar hätte erkennen müssen, bevor er abdrückt. Also hat Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Münchner "Tatort" "Der traurige König" ein Problem am Hals, das auch die alte Männerfreundschaft zum Kollegen Ivo Batic (Miroslaw Nemec) an ihre Grenzen bringt. Ein Krimi, der nach vielen mittelmäßigen Münchner Episoden wirklich sehenswert ist.

Ohne viel Vorgeplänkel exponiert Regisseur Thomas Stiller die Figuren in den ersten vier Minuten: Ein Auto steht in Flammen, im Grunde ist das nichts für die beiden Kommissare der Mordkommission. Doch da ist es schon zu spät: Ihre eifrige Assistentin Julia Winters (Sylta Fee Wegmann) hat sich bereits der Sache angenommen. Eigentlich sollte sie den erfahrenen Hauptkommissaren nur über die Schulter gucken, zu Ausbildungszwecken.

Eskalierende Routine

Am Tatort angekommen, eskaliert der Routineeinsatz: Nicht nur ein Fahrzeug brennt, sondern auch ein Mensch. Leitmayr schießt, um seine Kollegin zu schützen, und trifft gleich drei Mal in die Brust von Siggi Aumeister (Lasse Myhr). Die beiden kennen sich, weil Familie Aumeister einen Haushaltswarenladen betreibt, in dem der Ermittler regelmäßig einkauft. War es wirklich nur Notwehr? Die Polizei ermittelt auch intern gegen Leitmayr.

Schnell stellt sich jedoch heraus: Bei den Aumeisters steht nicht alles zum Besten. Vater Schorsch (überzeugend gespielt von Wolfgang Hübsch) hat Geldsorgen, Mutter Elisabeth (Elisabeth Orth) steht zwischen ihrem Mann und den Kindern, Sohn Markus (Stefan Zinner), das schwarze Schaf, der es seinen Eltern nie recht machen kann, arbeitete in einem Baumarkt - und mischte bei einem Überfall auf seine Arbeitsstätte mit.

Krimidinge auf den Kopf gestellt

Leitmayr jedoch steht auch selbst unter Druck. "Kollegenschwein" Stefan Maus (Torsten Michelis) geht den Vorwürfen nach, ob der Kommissar tatsächlich in Notwehr gehandelt hat und schickt ihn zur psychologischen Betreuung. Doch Sturschädel Leitmayr will sich von niemandem etwas sagen lassen. Nur Batic kommt an ihn heran. "Jetzt halt's Maul und lass dir helfen!", herrscht Batic seinen Kollegen an. So verlagert sich die Therapie in Leitmayrs Wohnzimmer, Batic findet sich unfreiwillig in der Rolle des Psychologen wieder. Dem internen Ermittler Maus bringt das alles nichts, er gibt irgendwann auf.

Dieser Fall ist eine einzige Tragödie: Auf einen Unfall folgen viele falsche Entscheidungen – die sich am Schluss doch zu einem versöhnlichen Ende fügen. Ein erfreulich frischer Tatort, der die Krimidinge mal auf den Kopf stellt.

Esra Özer
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