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TV-Kritik zum "Tatort" aus München: Ein viel zu normaler Krimi

Der Titel ist in diesem Fall Programm: "Ein ganz normaler Fall" heißt die "Tatort"-Folge aus München. Leider muss man das wörtlich nehmen. Die 60. Episode des Münchner-Gespanns Batic und Leitmayr ist nur biedere Krimi-Hausmannskost. Und das trotz eines eigentlich spannenden Themas: Ermittelt wird im jüdischen Gemeindezentrum.

Von Volker Königkrämer

Den Takt zu diesem Krimi gibt der Staatsanwalt vor. "Fingerspitzengefühl" erbittet sich der Anklagevertreter von seinen beiden Ermittlern Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Und irgendwie drängt sich am Ende der zähen 90 Minuten dieses Münchner "Tatorts" der Eindruck auf, als ob die beiden Kommissare das geforderte Pensum an Sensibilität geradezu übererfüllt hätten.

Aber wer will es ihnen auch verdenken? Schließlich ermitteln sie in einem Milieu, das für deutsche Fahnder (und wir gemeinden den Kroaten Batic nach insgesamt 60 Folgen an dieser Stelle einfach mal mit ein) immer noch jede Menge Stolperfallen bereit hält. Im jüdischen Gemeindezentrum wird am Ende einer schmalen Treppe die Leiche eines Mannes entdeckt. Die Todesursache lautet Genickbruch. Wurde er gestoßen? Mit Blut geschrieben finden sich die Buchstaben M O S E R auf den Bodenfliesen.

Schnell gerät der orthodoxe Jude Jonathan Fränkel (Alexander Beyer) in Verdacht, der die Leiche gefunden hat. Erst recht, als die Kommissare auf ein veritables Mordmotiv stoßen: Der Tote wollte Fränkel und dessen Familie per Räumungsklage aus seinem Haus werfen.

Während der Ermittlungen kreuzt aber auch immer wieder der leicht zurückgebliebene Aaron Klein (Florian Bartholomäi) den Weg der beiden Kommissare. Er ist die rechte Hand des Rabbi Grünberg (André Jung), der in der Synagoge Asyl erhalten hat, weil sein Gebetshaus renoviert wird.

Ermittlungen auf schwierigem Terrain

Auch wenn Batic und Leitmayr ihre Arbeit wie "einen ganz normalen Fall" angehen wollen, sind sie merkwürdig gehemmt auf dem so ungewohnten Terrain zwischen Kippa, Sabbat und Menora. Bloß alles richtig machen, den Ton treffen in dieser Welt, die ihnen so wenig vertraut ist. Doch das fällt schwer, wenn man auf dem Weg zum Verhör an einer Wand mit den Namen von hunderten Juden vorbeiläuft, die von Nazis während der Schoah ins Gas getrieben wurden. "Normal ist nicht, wenn man immer noch über Normalität extra reden muss", bringt Leitmayr das Dilemma auf den Punkt

Immerhin gibt es noch einen "normalen" Verdächtigen: Michael Großmann (Jörg Hartmann), der Geschäftspartner des Toten. Er hatte ein Verhältnis mit Leah, der Tochter seines Kompagnons, was er aber in einem ersten Verhör verschweigt. Mehr noch: Leah war schwanger von ihm - und hatte sich erst vor wenigen Wochen aus Verzweiflung über die Schande in den Tod gestürzt.

Am Ende findet sich die Lösung des Falles aber doch im Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde. Schlüssel ist ein altes jüdisches Gesetz mit Namen "Din Moser". Es besagt, dass man einen Juden töten darf, wenn der im Begriff ist, einen anderen Juden zu verraten. Es stellt sich heraus, dass der zurückgebliebene Aaron für den tödlichen Stoß verantwortlich ist. Er glaubt sich im Recht, weil er zuvor belauscht hat, wie der getötete Berger seinem Idol Rabbi Grünberg mit der Enthüllung eines privaten Fehltritts zugesetzt hatte.

Volkshochschulkurs in Sachen Judentum

Klingt kompliziert? War es auch. Kein Wunder, dass der Zuschauer am Ende die Fernbedienung mit dem Gefühl aus der Hand legt, keinen Krimi gesehen, sondern einen Volkshochschulkurs in Sachen Judentum belegt zu haben. Denn Regisseur Thorsten C. Fischer tappt exakt in die gleiche Falle wie seine beiden Kommissare. Wie viel Normalität ist heutzutage möglich zwischen Deutschen und Juden? Ähnlich verdruckst wie sich Batic und Leitmayr im ungewohnten Milieu vorantasten, lässt auch Fischer den Plot seinen Lauf nehmen. Immer muss hier noch mal ein Ritual erklärt und dort noch mal in einem gewichtigen Dialog die Schuldfrage aufgeworfen werden. So nimmt die Geschichte nie Tempo auf. Die Charaktere wirken allenfalls exotisch mit ihren fremden Bräuchen, etwa als der streng gläubige Fränkel den beiden Kommissaren davonsprintet, aber dann plötzlich auf einer Wiese wie angewurzelt stehen bleibt, weil er eben nur 2000 Schritte am Sabbat gehen darf. Doch bleiben die Figuren dabei seltsam farblos, erzeugen keinerlei Emotion beim Zuschauer. Allein Florian Bartholomäi als Aaron Klein schafft es, seine Rolle wirklich mit Leben zu füllen.

Verschenkter "Tatort"-Abend

Nemec und Wachtveitl haben viele brillante Münchner "Tatort"-Folgen getragen, man denke nur an "Frau Bu lacht", "Der oide Depp" oder auch "Der Traum von der Au". Im "Ganz normalen Fall" machen sie leider nur Dienst nach Vorschrift. Selbst der obligatorische Buddy-Strang fällt lediglich albern aus, wenn Ivo seinem Kollegen Franz die vermeintliche Wahl zum Polizisten des Jahres neidet. Sorry, liebe Drehbuchautoren Rochus Hahn und Daniel Wolf, das ist eigentlich unter Münchner-Niveau.

Fazit: Eher ein verschenkter "Tatort"-Abend. Aber gut, nach den letzten Highlights aus Kiel und Frankfurt ist das zu verschmerzen. Und in ein paar Tagen kommt ja auch schon wieder Ulrich Tukur.