HOME

Stern Logo Tatort

Schweiger-"Tatort": Deutschland kann ja doch Action!

Der neue "Tatort" war kein Krimi, sondern ein waschechter Actionfilm. Gut so: Denn gute Action made in Germany ist leider Mangelware.

Von Jens Wiesner

Zu pubertären Zeiten pflegte ich ein besonderes Ausnüchterungsritual: Der Sonntag war Action-Tag. Ich fläzte mich dann auf die Couch, legte mir die Chipstüte in Reichweite und schob den "Terminator" oder eine "Stirb langsam"-Episode in den Videoschlitz. Manchmal muss es eben Bumm sein.

Heute gehört der klassische Actionheld zu einer aussterbenden Spezies. An seiner statt tummeln sich Computernerds, Crystal-Meth-Köche und sympathische Serienkiller auf der Mattscheibe. Gebrochene Gestalten haben die Muckipakete von einst ersetzt. Die Film- und Fernsehwelt ist schattig geworden und kompliziert. Eigentlich eine tolle Sache. Aber manchmal giert es mich einfach nach dem BigMac unter den Filmgenres - nach ordentlich Krachbumm, Explosionen und Autos, die durch die Luft fliegen. Und nach den alten, muskelbepackten Helden, deren Welt so viel leichter zu durchschauen ist als unsere Realität.

Stirb langsam, Nick Tschiller!

Deswegen, lieber Til Schweiger, sei Ihnen an dieser Stelle recht herzlich gedankt. Denn das, was am Sonntagabend über unsere Bildschirme lief, hatte mit einem klassischen Krimi rein gar nichts mehr zu tun. Es war Action pur. Und zwar gut gemachte Action. Erdacht und produziert in Deutschland. Endlich einmal wieder. Denn kein anderes Filmgenre wird im Land der Dichter und Denker so sehr verkannt und klein geredet wie der Actionfilm. Roland Emmerich, der wohl erfolgreichste deutsche Regisseur im Ausland, wusste schon, warum er sich in die USA absetzte. Für gut getimte Explosionen gibt es hierzulande eben kein Kritikerlob. Und kein Geld. Die Produktionsfirmen scheuen die hohen Kosten. "Alarm für Cobra 11" - das ist schon das höchste aller Gefühle.

Mein Kollege Kester Schlenz hat sich am Stereotypen-Gewitter und am Mangel glaubwürdiger Charaktere gestört. Kann man machen. Ich habe den sonst so verschnarchten "Tatort" genau deshalb geliebt. Denn als Actionheld der alten Schule ist Til Schweiger richtig gut. Ein John McClane-Wiedergänger, den es zufälligerweise an die Elbe verschlagen hat. Ein Mann, der zigmal niedergeschossen werden kann, fast ins Koma fällt und der sich trotzdem Minuten später wieder mit den bösen Jungs prügelt. Der nicht gewinnt, weil er besonders helle im Oberstübchen ist, sondern weil sein Sixpack dicker ist als das seiner Gegner. Und der selbst in lebensgefährlichen Momenten immer noch einen flotten Spruch auf den Lippen hat.

See you later, Tilminator!

Manchmal tut es einfach gut, wenn die Welt auf der Mattscheibe wieder so einfach ist wie zu Schwarzeneggers Zeiten. Und wenn wir wissen, dass am Ende die Guten gewinnen. Wenn schon nicht den Krieg, dann zumindest die Schlacht. Weil echte Actionhelden am Ende immer gewinnen müssen. Weil sie einen archaischen Gerchtigkeitssinn verkörpern, der mit unserem Rechtssystem nicht vereinbar ist. Actionhelden sind auch deswegen so faszinierende Gestalten, weil sie über dem Gesetz stehen: Rambo und McLane scheren sich nicht um Dienstvorschriften und Political Correctness. Sie fordern (im besten Fall) Gerechtigkeit ein, wo das System versagt, und verlieren sich (im schlimmsten Fall) ganz in ihren eigenen Rachefantasien.

So fungieren Actionhelden als Ventil für all die Aggressionen und den Unmut, die sich in uns Zuschauern aufgestaut haben. Arnie, Sly und Til dürfen, was wir manchmal gerne wollten. Wenn sich unser Verstand nicht vorher einschalten würde. Dem nervigen Vorgesetzten eine knallen. Dem Drogendealer die Fresse polieren. Dem fiesen Auftragskiller selbst eine Kugel zwischen die Augen jagen. Im echten Leben wäre das keine gute Idee. Wissen wir. Aber man wird doch nochmal träumen dürfen. Zum nächsten "Tatort"-Public-Viewing werde ich auf jeden Fall eine Riesentüte Popcorn mitbringen. See you later, Tilminator!

Dem Autor können Sie hier auf Twitter folgen.