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Stuttgarter "Tatort" Außer Toten nichts geboten


Der Stuttgarter "Tatort" - das war mal Bienzle und Behäbigkeit. Jetzt sind die Kommissare zwar jung, aber auch nicht viel flotter. Trotz einiger gut gemachter Mordszenen versinkt die neuste Folge aus Schwaben im Mittelmaß.
Von Niels Kruse

Angesichts solcher Dialogfetzen ist es dann doch ein wenig erstaunlich, dass der aktuelle Fall des nicht mehr ganz so neuen Stuttgarter "Tatort"-Duos Lannert und Bootz noch solide Sonntagabend-Unterhaltung geworden ist. Kostproben gefällig? "Da bekommt das Wort Gewaltverbrechen einen ganz neuen Sinn" - Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller). "Das aber ist aber viel Blut" - Sebastian Bootz (Felix Klare). "Was immer Du willst, der aktuelle Fall hat Priorität" - Technikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt). Keine Sätze für die Ewigkeit, eher Plattitüden aus dem Reich eilig weggedrehter Vorabendware.

Doch dann und wann blitzt in "Das erste Opfer" ein Highlight auf: Auf die Frage, ob die Ehefrau des Opfers, Nadine Börner (Alexandra von Schwerin), den ganzen Abend zu Hause gewesen sei, entgegnet sie erfrischend ungeniert: "Nein, ich war bei meinem Liebhaber." So etwas hört man viel zu selten in Krimis. Eine Affäre also, da bekommen die beiden Kommissare natürlich sofort große Ohren. Doch dankenswerterweise lässt Regisseur Nicolai Rohde die möglichen Mordmotive Seitensprung und Eifersucht genauso schnell wieder verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Wäre ja auch zu einfach. Dabei geht es in der neusten "Tatort"-Episode durchaus um Liebe, um die ganz große sogar: Filmemacher Rohde schickt einen seit sehr langer Zeit verzweifelten Mann auf Rachefeldzug. 15 Jahre zu spät allerdings, was die Angelegenheit für Ermittler und Zuschauer kniffelig macht.

Der "Tatort" schafft es, den Spannungsbogen zu halten

Ansehnlich wird der Stuttgarter "Tatort" dabei in den Momenten, in denen der Mörder zur Tat schreitet: Mit einer Kapuze im Gesicht und versteckt hinter gleißendem Scheinwerferlicht, rammt er mit einem Bulldozer zunächst einen Baucontainer samt erstem Opfer nieder. Später überfährt er mehrmals eine Restaurantbesitzerin und zum Schluss, dem "Höhepunkt" seines Schaffens, lässt er den Anwalt Michael Joswig (Hans-Werner Meyer) über eine Landstraße baumeln, auf ihm das nächste Auto das Leben unsanft aushaucht. Lannert und Bootz aber schaffen es, dem Täter noch rechtzeitig das Handwerk zu legen.

Das allerdings dauert. Den Großteil der 90 Minuten befragen die beiden Polizisten vergeblich Angehörige, Liebschaften, Freunde und Arbeitskollegen. In ihrer Hilflosigkeit rufen sie sogar eine für den "Tatort" ungewöhnliche Sonderkommission ins Leben. Dass diese Folge den Spannungsbogen dennoch über die Zeit bringt, liegt vor allem an der undurchsichtigen Figur des Michael Joswig. Scheibchenweise stellt sich heraus, dass er sowohl das erste als auch das zweite Opfer kannte. Weil er mit seiner unschönen Vergangenheit hadert, behindert er nicht nur die Ermittlungen, sondern bringt sich selbst in Gefahr.

Dem Sensenmann gleich holt sich der Täter die Seelen

Ein paarmal gleich läuft der "Tatort" dabei Gefahr, irgendwo im Unterhaltungs-Nichts zu versanden. Doch in allerletzter Sekunde kriegt Filmemacher Rohde dann noch die Kurve, und zieht den Zuschauer wieder ins zurück Geschehen. Etwa in dem Moment, als Michael Joswig gesteht, wie er und seine Clique eines Abends vor 15 Jahren betrunken ein junges Mädchen überfahren. Der damalige Freund des Mädchens, Rico (Johannes Allmayer), zerbricht an ihrem Tod, landet in der Psychiatrie und holt sich nun aus Rache und dem Sensenmann gleich, die Seelen auf seiner Liste.

Wie so viele andere neueren Ermittlerteams leidet auch das Stuttgarter Duo darunter, dass ihnen auf Teufel komm raus ein Privatleben verpasst werden muss. Eine menschliche Seite, der Wärme und der Zuschauer-Identifikation wegen. Sebastian Bootz muss diesmal als Strohwitwer pünktlich zu Hause sein, um sich um seine Kinder zu kümmern. Dort liest er ihnen abends etwas vor, und schmiert ihnen morgens Schulbrote. Ein treusorgender Vater, wie so viele andere, ganz nett, aber blutarm. Noch viel weniger über den Menschen hinter dem Polizisten Thorsten Lannerts verrät sein Ärger mit unbekannten Nachbarn, die ihm regelmäßig seinen schönen alten Porsche einsauen. Wieso und warum spielt für die Drehbuchautoren keine Rolle.

Abschied vom Lokalkolorit

Das ist auch deswegen schade, weil die beiden Kommissare eigentlich angetreten waren, dem verstaubten und drögen Stuttgart-"Tatort" endlich durch zeitgemäße, bestenfalls coole Protagonisten aufzupolieren. Doch trotz moderner Vatersorgen und einem schicken Oldtimer ist das Ermittlerteam bislang blass geblieben - da hatte Vorgänger Ernst Bienzle wenigstens noch den lokalkoloritischen Charme schwäbischer Behäbigkeit und Mundart. Aber die Krimireihe hat sich bis auf wenige Ausnahmen ohnehin schon lange von der Idee verabschiedet, ihrer Herkunftsregion sprachlich und kulturell zu huldigen. Das ist, wie Lannert und Bootz zweimal matt formulieren: "sehr seltsam". Vielleicht sogar "eine schreckliche Sache".


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