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TV-Kritik "Tatort": Selbstjustiz aus Notwehr

Ein brutaler Vergewaltiger kommt wegen eines Ermittlungsfehlers frei und sorgt für Entsetzen bei seinen Opfern. In einer der packendsten "Tatort"-Folgen seit langem können die Münchener Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr dem Grauen meist nur tatenlos zusehen - bis es zur nächsten Bluttat kommt.

Von Björn Erichsen

Markus Rapp ist schuldig. Dieses blasse Männchen mit der Hornbrille, das sonst im Schlachthof die Fleischtransporter reinigt, hat zwei Frauen überfallen, gefoltert und vergewaltigt. Eine von ihnen stirbt, die junge Melanie Bauer, die ihm nun im Gerichtssaal gegenübersitzt, überlebte die Tortur nur aus einem einzigen Grund: Als Rapp ihr das Kleid aufschneidet und ihren leblosen Körper erst sorgsam desinfiziert und dann wie Abfall auf einem Parkplatz zurücklässt, dachte der Psychopath, sie wäre bereits tot.

Der Münchener "Tatort" beginnt da, wo andere aufhören: Die beiden Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr haben ihren Job erledigt, der Täter ist gefasst, die Beweislast erdrückend: In einer Tonbandaufzeichnung ist zu hören, wie Rapp die Taten gegenüber einer Prostituierten gesteht. Doch dann geschieht das Unfassbare: Weil die beiden Beamten für ihrem Lauschangriff nicht den nötigen Richterbeschluss abgewartet haben und die Zeugin verschwunden ist, platzt der Prozess. Rapp muss frei gesprochen werden. Lähmendes Entsetzen, Tumult im Gerichtssaal.

Düster und bedrückend

"Nie wieder frei sein" ist ein düsterer, bedrückender "Tatort", und zählt gerade deshalb zu den besten seit langem. Betont sachlich, aber teilweise mit drastischen Bildern katapultiert Regisseur Christian Zübert (Buch: Dinah Marte Golch) den Zuschauer innerhalb weniger Minuten in eine Extremsituation, in der sich das Recht brutal gegen diejenigen wendet, die es eigentlich schützen soll. Der Zuschauer kann sich dem Entsetzen nicht entziehen, der Empörung, dem Abscheu. Doch der klug komponierte Film verzichtet auf simple Schuldzuweisungen, lässt stattdessen das Grauen gewähren und spinnt damit eine Situation, in der Selbstjustiz nicht nur nachvollziehbar erscheint, sondern alternativlos.

Der "Tatort" nimmt sich die Zeit, dem Zuschauer die Konsequenzen des Rechtsstaatsversagens vor Augen zu führen: Die Fassungslosigkeit bei Opfer und Familienangehörigen, die hofften, mit dem Prozess "sei die Sache endlich vorbei". Die seelische Zerstörung von Melanie Bauer, die sich seit der Vergewaltigung vor Waschzwang die Hände blutig schrubbt und in Todesangst gerät, als ihr Peiniger noch am Abend des Freispruchs auf ihrer Veranda steht. Oder die tumbe Wut ihres Ex-Freundes Peter, der schon Fahndungsfotos aufhängt und Rapp durchweg "diese Drecksau" nennt.

Opfer des Volkszorns

Doch der Film blickt auch auf die andere Seite: Wo Rapps Vater, gewalttätig und ähnlich schlicht gestrickt wie sein Sohn, vom aufgebrachten Volkszorn massiv bedroht wird und das Haus nicht mehr verlassen kann. Einzig der von der Situation überforderte Vergewaltiger, glänzend gespielt von Shenja Lacher, taugt nicht für Mitleid: Er zeigt keine Reue, gesteht die Tat auch nicht im vertraulichen Gespräch mit seiner Anwältin: "Ich bin unschuldig... hat das Gericht gesagt", und es klingt aus seinem Mund noch nicht mal zynisch.

Das sonst so forsche Münchener Ermittlungsduo muss all dem lange Zeit nahezu ohnmächtig zusehen. Batic hadert mit sich und dem Rechtsstaat, und beugt diesen dann erneut, als er gegenüber Rapp handgreiflich wird. Pflichtgemäß erhält er seine Standpauke: "Das ist Recht, da gibt es keine Grauzone", weist Leitmayr seinen Kollegen zurecht. "Ja, aber am Ende sind wir dann trotzdem die Arschlöcher", kommentiert Batic, und hat damit sicher viele Sympathien auf seiner Seite.

Als zweite starke Nebenrolle tut sich Lisa Wagner hervor, die Regina Zimmer, Rapps Pflichtverteidigerin, spielt. Sie gibt zunächst die ehrgeizige Anwältin, die menschliches Leid den Paragraphen unterordnet. Oder anders: Sie macht in ihrem ersten Prozess einfach ihren Job und versucht das beste für ihren Mandanten herauszuholen. Doch auch sie kann sich dem Strudel aus Gewalt und Grauen nicht entziehen, erhält Drohbriefe, wird zusammengeschlagen. Wagner schafft es gekonnt, den inneren Wandel und die Desillusionierung der jungen Juristin darzustellen, deren Leben durch den Fall ebenfalls zerstört zu werden droht.

Am Ende doch noch ein Krimi

Dass der "Tatort" vor lauter Drama doch noch zu einem richtigen Krimi mit Tätersuche wird, ist einem Wendepunkt nach knapp einer Stunde zu verdanken: Als alle mit dem nächsten Verbrechen Rapps rechnen, wird der Vergewaltiger selbst ermordet. Es ist der Auftakt zu einer spannenden Schlussphase, in der fast jeder als Mörder infrage kommt, weil fast jeder einen guten Grund hatte, das Monster Rapp zu töten.

Am Schluss wird Anwältin Zimmer überführt, was durchaus versöhnlich stimmen kann: Die eben noch so paragraphentreue Juristin hat ihren "Fehler" korrigiert, sich notgedrungen von den Buchstaben des Gesetzes verabschiedet, um für etwas mehr Gerechtigkeit zu sorgen - oder zumindest für ein bisschen inneren Frieden. Sie habe Rapp aus "Notwehr" getötet, betont sie, als sie von Batic und Leitmayr verhaftet wird, wohl wissend, dass ihre Richter es anders sehen werden. So ist ihre letzte Frage vor allem als Betthupferl nach 90 Minuten packender Fernsehunterhaltung zu verstehen: "Er hat gesagt, dass er wieder töten wird - Was sollte es denn sonst sein außer Notwehr?"