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TV-Kritik "Tatort": Verloren im Wurstsalat

Ursprünglich sollte es um Gammelfleisch gehen. Oder doch um einen Mord? Oder um Wirtschaftskriminalität? Es ging um viel im neuen Berliner "Tatort" - um zu viel. Kommissar Stark löste den Fall im Alleingang. Trotz allem.

Von Dieter Hoß

Es muss kein Nachteil sein, wenn ein "Tatort"-Kommissar nach einer halben Stunde sagt: "Das passt doch vorne und hinten nicht zusammen" - verspricht doch die Verwirrung des Ermittlers einen kniffligen Fall. Schlimm wäre nur, wenn der Zuschauer denselben Eindruck noch am Ende des Geschehens hätte. Die Gefahr, dass das passiert, war groß: Zumindest dieses Schicksal blieb dem mit "Schweinegeld" betitelten neuen Fall des Berliner "Tatort"-Duos Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) erspart. Denn zum Schluss fügte sich letztlich alles zusammen - trotz eines schier überbordenden Konstrukts aus Verstrickungen und Verbrechen.

Mord und Totschlag, Mafiamethoden und Wirtschaftskriminalität, Menschenschleuserei und Familienschicksale: Die Autoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke hatten kaum eine Zutat ausgelassen und so - ausgehend von einer Story-Idee um Gammelfleisch- und Lebensmittelskandale - eine Art kriminalistischen Wurstsalat zusammengemixt. Dem fehlte allerdings die rechte Würze: Spannend war dieser Berliner "Tatort" eigentlich nie.

Da sich die Autoren offenbar nicht für eine Geschichte entscheiden konnten, mussten in der vorhandenen Zeit sämtliche aufgenommenen Handlungsstränge zu Ende gebracht werden. Das gelang nur mit Verknappung und viel Klischee. Dass Hans Merklinger, "Schnitzelkönig von Berlin" und jene Figur, von der praktisch die gesamte Story abhing, kein freundlicher Zeitgenosse war, musste man als Zuschauer so hinnehmen. Der Mann tauchte nur als Geisel im Kellerloch und Leiche in einem allen Anschein nach nicht allzu eisigen Kühlhaus auf. Natürlich war er ein skrupelloser Unternehmer, der mit Gammelfleisch nicht nur miese Geschäfte machte, sondern durch einen Kniff auch noch EU-Subventionen kassierte. Natürlich arbeiteten illegale Arbeitskräfte in der Fleischfabrik, die natürlich einen Spottlohn und menschenunwürdige Behausungen ertragen mussten. Und so ging es weiter: Natürlich war Merklingers Sohn Maximilian (Lucas Gregorowicz) ein Naivling, der nach dem Tod des Vaters natürlich halbseidene Investoren in die Firma holte, die ihn natürlich mir nichts, dir nichts ausbooteten und natürlich skrupellose Fieslinge aus Osteuropa waren.

Tragischer Tod der Tochter nur Nebensache

Nicht mehr überraschend war da, dass der "Schnitzelkönig" eine junge Geliebte hatte. Dass er damit aber nicht nur seine Ehefrau (Maren Kroymann), sondern auch die ebenso treue wie farblose und stets verkannte Chefsekretärin (Johanna Gastdorf) menschlich verletzte, steigerte das Klischee fast ins Groteske: Die Gespielin des Fleischfabrikanten war die Tochter seiner Sekretärin. Origineller war immerhin die Auflösung des ob all dieser Details fast schon vergessenen Falls: Merklinger war während der Geiselhaft gestorben, in die ihn ein Subunternehmer (Ole Puppe), der illegale Arbeitskräfte aus dem Osten in den Westen schmuggelte, gezwungen hatte. Die gemeinsame Tochter des Mannes und einer bulgarischen Arbeiterin war tragischerweise am Gammelfleisch aus Merklingers Betrieb gestorben, dass ihr eigener Vater ihr irrtümlich serviert hatte. Der Mann wollte den Unternehmer mit der Geiselnahme dazu zwingen, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen. Allerdings blieb sich dieser "Tatort" auch in der Auflösung treu: Das Unglück der Tochter wurde während des Falls nur beiläufig thematisiert, ein Spannungsbogen wurde auch in diesem Punkt nicht geschlagen.

Dass zudem das Ermittlerpaar gesprengt wurde und Stark diesen Fall im Alleingang lösen musste, nachdem Ritter durch einen üblen Schlag auf den Kopf außer Gefecht gesetzt worden war, machte die Sache nicht besser. Die Figur Ritter, eher Schwerenöter und Draufgänger, taugt nicht als Kopfarbeiter, der den Fall kraft seiner Gedanken vom Krankenbett aus löst. So war auch noch das Spannungsfeld zwischen den beiden Hauptfiguren weitgehend ausgeschaltet, von dem alle "Tatorte" nicht unwesentlich leben. In einer der besten Szenen erschreckte Ritter seinen Partner damit, dass er ihm vorgaukelte, er habe sein Gedächtnis verloren. Es war glücklicherweise nur ein schlechter Scherz. Es hätte aber zu dem Film gepasst, wenn auch das noch oben drauf gesetzt worden wäre.