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TV-Kritik zum "Tatort": Hereinspaziert, hereinspaziert!

LKA-Chef Murot taucht in die schillernde Zirkuswelt ein, um eine verschwundene Frau wiederzufinden. Trotz seiner verdeckten Ermittlungen stirbt bald einer nach dem anderen. Ein spannender Hochgenuss.

Von Susanne Baller

Es wäre so einfach, wenn man es mit den Genen erklären könnte. Da hat Justus von Dohnányi, bei diesem "Tatort" Autor und Regisseur, nämlich beste Voraussetzungen: Urgroßvater Ernst war Komponist, Papa Christoph ein berühmter Dirigent, Mama Renate Zillesen Schauspielerin und zahlreiche andere Verwandte waren ebenfalls mit großen Talenten gesegnet. Oder wenn die Erklärung lautete, dass ihm der Hessische Rundfunk für "Schwindelfrei" ein gigantisches Budget bewilligt hätte. Doch selbst damit könnte nicht jeder die perfekte Besetzung für diese Zirkusfolge zusammenstellen. Der Grund für die sichere Hand in der Inszenierung, in Sujet, Dramaturgie, Witz und nicht zuletzt auch der Musik, die, neben Ulrich Tukur und den Rhythmus Boys als Zirkuskapelle, von Filmkomponist Stefan Will und dem Sänger und Bassisten Timo Blunck (Ede & Die Zimmermänner, Palais Schaumburg) kommt, muss also wohl sein, dass der 52-Jährige sein Handwerk ausgesprochen gut versteht.

Ohne auch nur einen Wimpernschlag lang auf die Bürden der Bürokratie Rücksicht zu nehmen, ohne jemals über Privates wie Wohnung, Auto, Strickpullover oder Kontostand seines LKA-Chefs zu stolpern, lässt Dohnányi Felix Murot (Ulrich Tukur) unbeschwert und nun auch tumorfrei ermitteln. Nicht einmal der Fall kommt per Dekret zu dem Beamten, er ergibt sich zufällig im Abendprogramm. Wahrscheinlichkeit und Realitätsnähe haben heute frei. Yeah!

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Darum ging's

Glücklich über den Befund, gesund zu sein, lädt Murot seine Sekretärin und einzige Eingeweihte in puncto Gehirntumor, Magda Wächter (Barbara Philipp), zum Feiern nach Fulda ein. Logiert wird im Grand Hotel, der Unterhaltung sollen ein Zirkusbesuch und Abendessen dienen. Als Murot, zufällig als freiwilliger Teilnehmer ausgewählt, in der Manege mit der Interpretation von "Oh mein Papa" brilliert, lädt Zirkusdirektor Raxon (Josef Ostendorf) ihn und seine Begleitung zum Umtrunk nach der Vorstellung ein. Der feuchtfröhliche Abend begünstigt Murots Engagement in der Zirkuskapelle, deren Pianist sich verletzt hat, als er am nächsten Tag zurückkehrt, um dem Verschwinden einer Frau aus dem Publikum nachzugehen.

Nachdem oft genug das Stichwort Kosovo gefallen ist, sticht als möglicher Bösewicht vor allem einer heraus, der undurchsichtige Frank (Uwe Bohm). Der Messerwerfer hat dort im Krieg als Soldat gekämpft und war parallel ein sadistisch veranlagter Freier. Er misshandelte von Menschenhändlern zur Prostitution gezwungene Frauen, eine von ihnen erschoss er sogar. Weil er während der Vorstellung bemerkt, dass eine Frau aus dem Publikum ihn im Zirkus wiedererkennt, ersticht er sie und versenkt sie im Gully. Als der verletzte Pianist Charly im später draufkommt, landet auch er ermordet in der Kanalisation. Seine Exkameraden aus dem Kosovo müssen ebenfalls dran glauben.

Die Insel der Glücklichen

Die Zirkuswelt mit ihren multikulturell gemischten Artisten liefert so perfekte Voraussetzungen für die Schauspieler in diesem "Tatort", dass es scheint, als habe Dohnányi seine Besetzung bereits beim Schreiben des Buches vor Augen gehabt. Der superpräsente Josef Ostendorf mimt als Zirkusdirektor einen Österreicher, der lediglich bei der Frage "Mög'n S' an Kaffee?" in Mundart fällt. Als seine Frau Rosalie gibt die Französin Zazie de Paris Vollgas, auch mit dem Bauchredner Buca. Der Ungarin Dorka Gryllus, die Franks unglückliches Kosovo-Mitbringsel Caja darstellt und bereits für ihre Rolle in Fatih Akins "Soul Kitchen" den Spezialpreis der Jury erhalten hat, nimmt man problemlos Moldawien als Herkunftsland ab. Der Mörder ist zwar der Mann mit Melone, aber dennoch kein Engländer.

Für amüsante Effekte sorgt, so makaber es klingt, nach wie vor der abgeheilte Tumor von Felix Murot, der als Nuss im Kopf und als Exfreundin Lilly schon in den ersten beiden Fällen eine Hauptrolle hatte. Zwar verursacht er keine Wahrnehmungsstörungen mehr wie noch in "Wie einst Lilly" (2010) und "Das Dorf" (2011). Doch hat sich Kommissar Murot so sehr daran gewöhnt, seinem Urteil zu misstrauen, dass seine Zweifel nach wie vor ein wichtiger Teil köstlicher Unterhaltung bleiben.

Mit Murots Genesung nährt sich die Hoffnung, dass Tukur ihn nicht so schnell sterben lässt.