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Ulrich Tukur als "Tatort"-Ermittler: "Dann lasse ich ihn sterben"

In der Jubiläumsfolge nimmt Ulrich Tukur als "Tatort"-Kommissar seinen Dienst auf. Im stern.de-Interview spricht er über seine morbide Rolle und seine Sorge, ob er beim Publikum damit ankommt.

Herr Tukur, wann waren Sie das letzte Mal beim Arzt?
Ehrlich gesagt versuche ich Arzt-Besuche zu vermeiden. Ich will nicht, dass da so ein Apokalyptiker vor mir sitzt und sagt: "Mein Lieber, ich möchte gar nicht auf ihre Leber gucken." Ich will mich nicht verrückt machen lassen.

Würden Sie nicht wissen wollen, wenn Sie ernsthaft krank wären?
Nein, ich würde mit der Illusion weitermachen wollen. Es gibt Menschen, die schwere Krankheiten stilvoll aushalten, bewundernswert. Ich gehöre nicht dazu. Ich glaube aber, dass das Leben anhält, in so einem Moment. Das kann einem, wenn man überlebt, viel bringen. Das kann einen aber auch zerstören.

Sie halten es da also so wie der neue "Tatort"-Ermittler Felix Murot. Warum haben Sie Ihrer Figur einen Tumor im Kopf verpasst, von dem er nicht wissen will, ob er gut- oder bösartig ist?
In einem so substanziellen und immer noch funktionierenden Format wie dem "Tatort" kann man auch solche unbequemen Themen ansprechen. Murots Wahrnehmung verändert sich durch den Tumor. Nichts ist, wie es scheint. In dem Moment, in dem er gesagt bekommt, er müsse vielleicht sterben, fällt er aus der Zeit in eine surreale Welt. Auch der Zuschauer weiß nicht genau: Sitzt seine Sekretärin in einem Vorzimmer der 40er Jahre oder in der Gegenwart? Für die Hintergrundmusik habe ich historische Aufnahmen von Willi Stech von 1944 ausgewählt, als hier alles verbrannte. Das hat so etwas Schönes, aber auch unglaublich Trauriges. Auch die Landschaft ist unwirklich. Es ist Nordhessen, könnte aber auch Neuseeland sein.

Felix Murot geht nicht nur unangenehmen Arzt-Besuchen aus dem Weg, er hat auch ein Faible für alte Autos, Musik der 40er Jahre, Wein, gutes Essen, schöne Frauen... Das klingt alles sehr nach Ulrich Tukur.
Da gibt es tatsächlich viele Gemeinsamkeiten. Ich habe die Rolle zusammen mit sehr mutigen Redakteuren vom Hessischen Rundfunk entwickelt. Murot steht am Abgrund seines Lebens. Die Stimmung ist morbide und melancholisch. Ich hätte diese Figur nie gespielt, wenn sie nicht diese Fallhöhe gehabt hätte. Und wenn nicht Themen vorkämen, die auch mich persönlich bedrängen und umtreiben.

Nämlich?
Diese nicht definierbare Existenz von uns Menschen. Der LKA-Ermittler hält allen einen pseudophilosophischen Spiegel vor, durch den man die Absurdität des Alltags sieht: Alles wird immer schneller, weiter, höher... Wissen wir nicht, dass alles innerhalb einer Sekunde vorbei sein kann? Daran soll diese Figur erinnern.

Konkret geht es in der Pilotfolge um die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977...
Diese RAF-Geschichte zu erzählen, war eine Idee von Drehbuchautor Christian Jeltsch, der sich schon länger mit der Rolle des BKA im Fall Buback beschäftigte. Es ist erstaunlich, wie aktuell das Thema mit dem Prozess um RAF-Terroristin Verena Becker nun zufällig wird.

Sie wurden zu Zeiten des Deutschen Herbstes sogar einmal als vermeintlicher Terrorist verhaftet...
Ja, das war 1977 auf der Reeperbahn. Da habe ich die Hysterie dieser Jahre am eigenen Leib gespürt. Meine damalige Freundin und ich wurden von der Polizei überwältigt und auf die Wache gebracht. Eine falsche Bewegung, und die hätten geschossen. Die zitterten vor Aufregung, weil die dachten, wir wären der große Fang, das Terrorpaar Christian Klar und Adelheid Schulz. Wir mussten über Nacht auf der Wache bleiben, am nächsten Tag hat sich dann alles schnell aufgelöst.

Im "Tatort" verliebt sich Murot in eine Pensionsbesitzerin mit RAF-Vergangenheit, gespielt von Martina Gedeck.
Das ist eine ganz sonderbare Liebesgeschichte, die sich aus einer gemeinsamen Vergangenheit speist, die es nie gab. Murot bringt sie in Verbindung mit seiner Jugendliebe Lilly, von der er getrennt wurde. Ich mag diese düstere, traumhafte Stimmung. Diese Schuld der Vergangenheit, diese Verlorenheit und Lebenslügen... Ich weiß jedoch nicht, ob das von der Masse gefressen wird. Im nächsten Anlauf soll es noch grotesker und komischer werden.

Sie ermitteln also weiter?
Einen "Tatort" machen wir auf jeden Fall noch. Und der wird der Hammer. Noch viel mutiger. Und ich denke, dass es danach noch einige Folgen geben wird. Mit dieser asynchronen Figur kann man die Türen zu ganz anderen Welten aufreißen. Nebenher muss man natürlich auch noch einen spannenden Fall erzählen und auflösen. Ich hoffe, dass die Leute nicht nur Halligalli wollen und sich darauf einlassen.

Und wenn nicht?
Dann wäre ich traurig - und würde ihn sterben lassen.

Fürchten Sie die Realität? Auch privat flüchten Sie sich in die Vergangenheit, lieben Musik aus der 40ern, leben in Venedig, einer Stadt der Vergangenheit.
Ich habe mir schon als Kind gern Ersatzwelten gesucht, war nicht gerne zu Hause, lebte lieber in der Welt meines Großvaters, den ich nur ein Mal als Kind gesehen habe. Der lebte in Sardinien, war Seeoffizier im Ersten Weltkrieg. Ich habe in der Welt der Heldensagen gelebt. Aber nie im Hier und Jetzt. Ich war noch nicht einmal Cowboy und Indianer, das war mir schon zu modern.

Wovor sind Sie denn eigentlich auf der Flucht?
Ich weiß es auch nicht. Ich liebe das Leben. Und es hat ja auch Vorteile, in dieser Zeit zu leben. Aber ich will nicht in einer Welt leben, die alles erklärt und auseinandernimmt. Ich bin kein religiöser Mensch. Aber ich glaube daran, dass es da noch etwas Größeres gibt, ein Geheimnis.

Sie machen jetzt so etwas Urdeutsches wie den "Tatort", leben aber schon lange nicht mehr hier. Sehnen Sie sich nach der Heimat?
Ich liebe Hamburg. Aber ich kann nicht mehr zurück. Ich will von nichts abhängig sein. Weder von Fernsehredakteuren noch von Musikproduzenten oder Theaterintendanten. Ich will meine Freiheit behalten. Oft flüchte ich aus Italien, habe die Schnauze voll von dem Land, das in einer unerhörten kulturellen, politischen und demographischen Krise steckt. Doch kaum bin ich in Deutschland, wo alles apokalyptisch verhandelt wird, sehne ich mich zurück. Nach der permanenten guten Laune. Und dem einzigen Menschen, der mich erdet - meinem Hund.

Katharina Miklis