Thomas Gottschalks 60. Geburtstag Die Goldbärendämmerung


Der letzte Unterhaltungs-Dino im deutschen TV wird 60. Höchste Zeit für Thomas Gottschalk, das glimmende Lagerfeuer "Wetten, dass ..?" wieder zum Lodern zu bringen.
Von Wolfgang Röhl

Ein Mann sitzt an einem Lagerfeuer, das schon etwas hinüber ist, und pustet und pustet. Doch das Feuer will nicht mehr so recht lodern. Manchmal flammt es kurz auf, dann fällt es wieder zusammen. So etwa muss man sich die Situation von Thomas Gottschalk vorstellen, der am 18. Mai 60 Jahre alt wird.

Das Lagerfeuer ist "Wetten, dass ..?", einst das Maß aller Quotendinge im Fernsehen. Als Lagerfeuer bezeichnet die Branche Shows, zu denen sich die ganze Familie vor der Glotze einfindet. Früher gab es solche Feuerstätten reichlich. Heute sind dem ZDF nur noch Gottschalk und sein Wettspektakel geblieben, womit gleich drei Dinosaurier auf einen Haufen fallen. Die Quoten sind entsprechend mau geworden. Die Sendung vom Februar 2010, wie immer mit dem logistischen Aufwand einer Mondlandung inszeniert, floppte besonders grausam. Nur 7,8 Millionen Zuschauer - jede mittelprächtige "Tatort"-Folge im Ersten holt mehr. Die noch dazu immerfort wiederholt werden kann, während "Wetten, dass ..?" nur ein einziges Mal über den Bildschirm läuft.

Gottschalk und das Johnny-Hallyday-Syndrom

Der Verlust an Bedeutung im Unbedeutenden zeigt sich auch so: Heutzutage diskutieren TV-Junkies über "DSDS" oder "GNTM" oder "Schlag den Raab", sogar über Big Brother. Selten aber ist "Wetten, dass ..?" in irgendeinem Munde.

Einen dicken Anteil am Niedergang hat Thomas "Haribo" Gottschalk selber. Dieser Mann ist ja "Wetten, dass ..?" und vice versa. Sicher, dieser Profi hat in seiner langen Karriere als unkaputtbarer Spaßvogel alles Mögliche angerührt und angesagt und moderiert. Er hat in einigen der dämlichsten Filmchen mitgewirkt, die je eine unschuldige Leinwand schändeten (zum Beispiel "Die Supernasen"). Er hat Werbesonderschichten geschoben, bis das Fruchtgummi sauer wurde. Er hat sämtliche Medienpreise abgegriffen, mit welchen die verleihungswütige Branche um sich schmeißt. Doch allein "Wetten, dass ..?" verdankt er seinen Status. Übrigens, er müsste zwecks eines ungestörten Privatlebens sich gar nicht in ferne Kalifornien zurückziehen. Den in Deutschland, Österreich und Teilen der Schweiz weltberühmten Unterhaltungstitan kennt schon 20 Kilometer nördlich der deutsch-dänischen Grenze kein Schwein - das Johnny-Hallyday-Syndrom.

Was macht "Wetten, dass ..?" immer ungenießbarer? Die Sendung leidet unter einer Rezeption, die man am besten mit Langeweile beschreibt. Überdruss an dem altbackenen, 1980 von Frank Elstner erfundenen Konzept von "Wettkandidaten" und "Wettpaten". Erstere oftmals Sonderlinge, die ihre Zeit auf Erden damit vertrödeln, irgendeine obsolete Disziplin zu beackern; wie jene, am Geruch von Gummistiefeln deren Trägerinnen zu identifizieren oder Jeansmarken am Reißverschlussgeräusch zu erkennen. Die Paten: vorwiegend sattsam bekannte Unterhaltungsfuzzis, die ihre aktuellen Hervorbringungen bei "Wetten, dass ..?" promoten dürfen. Sowie Stars aus dem Ausland, die man gegen ein Heidenhonorar ins Studio karrt und die dennoch oft kaum verbergen können, wie wurscht ihnen dieser angestrengte deutsche Spießerwettenzirkus ist.

Warum man sich überhaupt mit "Wetten, dass ..?" beschäftigen muss

Auch der Gastgeber selbst ist ein Fall von fortgeschrittenem Anachronismus. Längst sind die Zeiten passé, da komische Klamotten wie die seinen als Ausweis einer irgendwie rebellischen Lebensart galten und schlüpfrige Sprüche als Tabubrüche mutiger Medienpartisanen durchgingen. "Als Gottschalks Markenzeichen gelten vor allem seine lockere Art sowie seine gewagte Kleidung", erklärt Wikipedia ernstlich. Gütiger Himmel! Heutzutage ist die Hälfte aller Entertainer schwul und häufig weitaus gewagter - vulgo bekloppter - angezogen als Gottschalk. In puncto Schweinigeleien liegen Barth, Pocher und von der Lippe sowieso uneinholbar vorn, was immer uns' Thommy anstellen mag. Heute wäre es eher ein Tabubruch, wenn er in einem dunklen Stangenanzug à la Stuckrad-Barre auf die Bühne stiege. Und weiblichen Gäste weder verbal noch körperlich an die Wäsche gehen würde. Kurz, wenn er einfach mal das versuchte, was seine Generation offenbar nicht mehr so richtig hinkriegt. Nämlich, nicht ewig einen auf junger Spund zu machen, ey.

Muss man sich überhaupt mit "Wetten, dass ..?" beschäftigen? Ja, doch. Die Sendung ist noch immer eine Institution. Sie hat zwar null und nichts mit dem Grundversorgungsauftrag zu tun, mit dem das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Zwangsgebühren rechtfertigt. Aber vielleicht hat das letzte Lagerfeuer im Zweiten eine soziale Funktion. Und sei es nur, dass Familien mal wieder ein Weilchen harmonisch zusammenglucken. Dass Mutti und Vati davon abgehalten werden, sich unter übermäßigem Alkoholeinfluss zu fetzen. Dass die Kids für ein paar Stunden nicht in Versuchung kommen, Drogen zu nehmen oder Gleichaltrige beim Happy slapping mit dem Handy zu fotografieren. Dann hätte die Sendung wirklich eine Existenzberechtigung.

Und deshalb wünschen wir, dass unser größter anzunehmender Goldbär endlich mit einem vernünftigen "Wetten, dass ..?"-Relaunch um die Ecke kommt, der das Feuer wieder anfacht. In diesem Sinne, alles Gute!

P.S.: Sollte Thomas Gottschalk aufhören bei "Wetten, dass ..?" und in den Ruhestand treten oder kann er die letzte große Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen reanimieren? Diskutieren Sie mit auf der Facebookseite von stern.de.


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