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TV-Kritik "Die 2": Nette Onkels

Ein Wurschtel-Konzept, zwei TV-Senioren und die Rückkehr in die 80er: Wenn Gottschalk und Jauch auf RTL zum Duell aufrufen, muss niemand in Deckung gehen. Nur Merkel und Steinbrück sind noch lahmer.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Zum Beispiel Reinhold Messner. Der hat´s kapiert. Klettert nicht mehr rauf auf den Mount Everest. Überlässt das Feld dem Nachwuchs. Muss sich da nichts mehr beweisen. Mit 60 Jahren packte es ihn zwar dann immer noch, quer durch die Wüste Gobi. Aber immerhin: Ein anderes Terrain. Es wäre zu wünschen, Thomas Gottschalk, aktuell 63 Jahre alt, hätte endlich auch mal Lust auf eine solche Wüstenerfahrung.

Ihm stünde das jedenfalls besser an, als sich zum x-ten Mal in eine TV-Show zu drängeln, vor laufenden Kameras herumzulungern und sich dabei nur noch darauf zu verlassen, dass seine Anwesenheit allein schon genügt, damit die Nation völlig hin und weg ist. Mit dieser Attitüde, als würde er Audienz halten. Mensch, Thommy, du bist doch nicht der Papst! Ministrant warst du zwar. Lang aber ist´s her. Und lang ist´s her, dass man sich so richtig gut von dir unterhalten fühlte. Am Montagabend, diese RTL-Show "Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen Alle", ehrlich gesagt, das war wohl mal wieder nix. Sakradi! Es ist, um es im dir vertrauten Bayerisch zu sagen, zum Narrisch wern.

Dass es auch mal andere Zeiten gab, die Rückblenden, die eingespielt wurden, zeigten es ja. Im Grunde gehörte es sowieso großenteils zum zusammengewurschtelten Konzept von "Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen Alle", die Stationen im Leben der beiden TV-Onkels, die immerhin seit 28 Jahren befreundet sind, abzuklappern. Diesen Teil, auch durch Schwarz-Weiss-Fotos illustriert, hätte man freilich auch in seelsorgerischer Atmosphäre bei "Beckmann" abarbeiten können. Etwa Günther Jauchs scheußliche Erinnerungen an seine Pubertät: "Nein, ich war kein glücklicher Teenager."

"Ich fand Karin Dor toll"

Er habe sich nicht sehr wohl in seiner Haut gefühlt. Sein Traum sei immer gewesen, das schnellstmögliche Motorrad zu fahren und 3000 Mark im Monat zu haben. "Und ich fand damals Karin Dor toll", verriet Jauch. Woraufhin Moderatorin Barbara Schöneberger so stöhnte als würde sie schon wieder in den Wehen liegen. Karin Dor? Da muss der jüngere RTL-Zuschauer erst mal googlen. Oder sich am besten gleich mal in eine Zeitmaschine setzen. Zurück in die 80er-Jahre. Zauberwürfel, Schulterpolster, Fototapete. So ein Kram eben. Und die Erstausstrahlung von "Wetten, dass..?".

25 Minuten wurde überzogen

Oder ist es vielmehr so, dass womöglich 80er-Jahre-Stars aus der Zeitmaschine in die Show katapultiert wurden? Blödelbarde Otto Waalkes beispielsweise. Wurde live zugeschaltet. Aus Leipzig, wo er auf einer Bühne stand und schmetterte: "Unser letzter Wille, immer mehr Promille". Im restlichen Text kommen, man ahnt es, zig Alkoholika vor. Sie zu zählen, war eine der x Aufgaben, die Jauch und Gottschalk zu stemmen hatten. Schlimmer konnte es noch werden. Sofern man es bis 23.10 Uhr – 25 Minuten wurde überzogen – durchhielt. Eine recht langatmige Angelegenheit. Ohne jedes Tempo.

Aber immerhin, die Befürchtung, Modern Talking würden nun mit einem "Cheri Cheri Lady" hereinwackeln oder Jauch und Gottschalk müssten in Miami-Vice-Klamotten Sonnenbrillen blind befühlen und deren Marke erraten, erfüllte sich nicht. Andererseits, es wurden, auch so eine Aufgabe, Autos abgetastet. Mit Dunkelbrillen, wie man sie aus "Wetten, dass...?" kennt. Zwischendurch gab es "Wer-wird-Millionär"-Flair. Dann nämlich, wenn Fragen mit vier Antwortmöglichkeiten gestellt wurden. Allerdings solche, die man auch im Fernsehschlaf beantworten konnte. Beispiel: Was dürfen 16Jährige gemäß Jugendschutzgesetz? 1) Zigaretten kaufen, 2) sich tätowieren lassen, 3) Mixgetränke mit Spirituosen kaufen, 4) bis 24 Uhr in die Disco. Hallo, noch irgendwer wach?

Beim Denken und Machen zuschauen

Jetzt aber mal zur Grundidee der Show, die gibt es immerhin. Jauch und Gottschalk treten gegen 500 Menschen im Studio an und gegen den Rest der Republik, die per SMS oder Telefon mitmachen können. Zu meistern sind unter anderem Quizfragen und Schätzaufgaben. Duellcharakter also. Und letztendlich doch spannender als das kreuzlahme TV-Gefecht von Merkel und Steinbrück. Was freilich keine Kunst ist. Doch nach Pluspunkten soll an dieser Stelle gefahndet werden. And the winner is… Günther Jauch. Zwar findet man es erst mal unsympathisch, dass die Schöneberger ihn nicht duzen durfte, was sie bei Gottschalk ganz selbstverständlich tat.

Doch dann kam Jauch in Fahrt. Und wie. "Sind Sie junges Luder eigentlich tätowiert?", kokettierte er mit der Schöneberger, deren Augen daraufhin noch größer wurden als sie es eh schon sind. Und als die Moderatorin anmerkte, Jauch sei richtig leidenschaftlich, wenn es um Autos ginge, sagte er schmunzelnd: "Sie wissen ja, für was so ein Auto steht." Moment mal, eigentlich ist Gottschalk für die Schlüpfrigkeiten zuständig. Doch Jauch übernahm auch sonst alles, hing sich richtig rein, bei jeder Aufgabe, während Gottschalk ihm beim Denken und Machen zuschaute. Und der Ehrgeiz, den Jauch entwickelte, das Kämpferische – für seine Verhältnisse – das war schön anzuschauen. Und beeindruckend: Jauch hielt sich in der Luft schwebend an einer Stange fest, 2 Minuten und 30 Sekunden lang. Henry Maske schaffte das nur 66 Sekunden lang. Quer durch die Wüste Gobi - Herr Jauch, packen Sie schon mal Ihren Rucksack!

  • Sylvie-Sophie Schindler