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TV-Kritik "Günther Jauch" Endlich raus aus den Billigklamotten


Das Fabrikunglück in Bangladesch stellt erneut die Praktiken der Textilbranche und unser Kaufverhalten in Frage. Günther Jauchs Gäste präsentierten mögliche Wege aus dem Dilemma von Markt und Moral.
Von Mark Stöhr

Ganz am Ende der Sendung brachte Ranga Yogeshwar den Widerspruch auf den Punkt. Es war ein einfacher Vergleich: Jedes Moped, das aus einem Land wie Indien stamme und am deutschen Straßenverkehr teilnehmen wolle, würde auf Herz und Nieren geprüft. Die Zulassungsregeln seien streng. Doch einen TÜV für Textilien, der nach den miesen und menschenunwürdigen Produktionsbedingungen zum Beispiel in Bangladesch fragen würde, gäbe es nicht. Warum eigentlich nicht?

Das ist eine gute Frage. Die falsche Frage, wenn es nach Entwicklungsminister Dirk Niebel geht. Der FDP-Mann liebt naturgemäß den Markt und hasst die Regulierung. Man müsse mit den Verantwortlichen vor Ort in Bangladesch zusammenarbeiten, um die Arbeitsbedingungen für die Arbeiterinnen zu verbessern. Mit den Fabrikbesitzern und Politikern also, die oft ein und dieselbe Person sind. Was Niebel dabei übersah oder nicht sehen wollte, der WDR-Wissensredakteur Yogeshwar erinnerte ihn daran: Die katastrophalen Beschäftigungsverhältnisse, das fehlende Sozialsystem, die allgegenwärtige Korruption, die Umgehung sämtlicher Bauvorschriften – eben all diese Eigenschaften eines "failed state" machen ein Land wie Bangladesch erst zum perfekten Produktionsstandort für die großen Textil- und Handelskonzerne.

H&M und Co. drücken sich vor der Diskussion

Von denen war kein Vertreter bereit, an der Talkrunde bei. Günther Jauch teilzunehmen. Jauch ließ die Namen der Eingeladenen, die allesamt absagten, in einem Laufband vorbeiziehen. Alle Ausstatter unseres Alltags waren dabei: Adidas, Aldi, Benetton, C&A, Esprit, H&M, KiK, Lidl, Metro, Otto, Primark, Puma, Tschibo, Tom Tailor, Zara. Ihre Marketing- und Imageabteilungen arbeiten lieber mit Feuereifer daran, die Bilder der Toten und der Trümmer in Dhaka im Konsumentenbewusstsein durch neue Lieblingsoutfits zu ersetzen. Auch Verona Pooth fehlte, das war sehr bedauerlich. Man hätte gerne gewusst, was sie dabei empfand, als Blusen aus ihrer #link;www.stern.de/reise/service/bangladesch-90263699t.html?sort=datedown;KiK-Kollektion mit den über 1.100 Leichen im Schuttberg auftauchten#.

Eine solche Bluse kostet bei dem Discounter 9,99 Euro. Bei einer Näherin, rechnete Günther Jauch vor, kämen davon ungefähr zehn Cent an. Warum man den Preis nicht wenigstens um 10 Cent erhöhen könne, um den Lohn der Arbeiterin theoretisch zu verdoppeln, fragte er demonstrativ naiv. Die Antwort kam von Thomas Tanklay, bekannt als "Deutschlands Schnäppchenkönig", der ein Vermögen damit gemacht hat, Restposten von Billigketten zu kaufen und wieder zu verhökern: Die Deutschen können nur 9,99 Euro, sagte er. 10,09 Euro zum Beispiel, wie von Jauch vorgeschlagen, lägen außerhalb ihrer Shopping-Gene. Daran sei nicht zu rütteln.

Ist "Made in Europe" die Lösung?

Im Laufe der Diskussion schraubte Tanklay sein Preisdiktat allerdings nach oben. Nun waren 14.99 Euro für eine Pooth-Bluse das Gebot der Stunde – wenn sie denn das Label "Made in Europe" trage. Dem Unternehmer schweben Produktionsstandorte in Süd- und Südosteuropa vor. Dort könne man relativ günstig und trotzdem nach europäischen Sozial- und Umweltstandards produzieren. Das klang gar nicht so schlecht. Doch Sina Trinkwalder witterte sofort die Gefahr von Etikettenschwindel, frei nach dem Motto: Die Hauptarbeit wird in Bangladesch erledigt, die letzte Naht in Kroatien. Geschichten machten die Runde von importierten Chinesen in Italien, die dort unter chinesischen Bedingungen "Made in Italy"-Ware herstellten. Der Kapitalismus ist und bleibt eine Erfindung von Wahnsinnigen.

Trinkwalder und ihr Textilunternehmen sind sozusagen der Gegenentwurf zur gnadenlosen Globalisierung. Die Produktion findet in Deutschland statt, die Garne kommen größtenteils von hier, und die Arbeiterinnen kriegen mindestens zehn Euro die Stunde. Eine Jeans kostet dafür auch 119 Euro. Thomas Tanklay, der Billigheimer von der Resterampe, jaulte auf. Es ist einfach ein Kreuz mit dem Markt und der Moral. Doch der Druck auf die Händler und die Verbraucher nimmt zu. Gut möglich, dass wir uns in absehbarer Zeit von den Billigklamotten verabschieden müssen. Es wäre ein Segen für die Näherinnen und die Natur.


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