VG-Wort Pixel

TV-Kritik "Günther Jauch" Thema Sterbehilfe eine Nummer zu groß


Das komplexe Thema Sterbehilfe in 60 Minuten Sendezeit zu debattieren, ist ein schwieriges Unterfangen. Kein Wunder, dass auch bei Günther Jauch nach der Sendung mehr Fragen als Antworten bleiben.
Von Dominik Brück

Keine leichte Aufgabe für Günther Jauch: Gleich in der ersten Sendung des Jahres spricht der Moderator das sensible und umstrittene Thema Sterbehilfe an. Die Debatte ist nicht neu – schon mehrfach ist die Frage nach dem Recht, das eigene Leben beenden zu dürfen, in der Vergangenheit aufgeworfen worden.

Diesmal ist ein Gastbeitrag des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter in der "Süddeutschen Zeitung" der Anlass. Reiters Forderung: "Mein Tod gehört mir", jeder solle das Recht haben selbst zu entscheiden, wann er seinem Leben ein Ende setzen möchte. Wie zu erwarten, bleibt das nicht lange ohne Widerspruch. Franz Müntefering, früher Parteivorsitzender der SPD, zeigt sich empört über die Thesen Reiters und spricht sich ebenfalls in einem Zeitungsartikel gegen die vollständige Liberalisierung der Sterbehilfe aus. Eine Antwort auf die schwierige Frage nach dem Recht zu sterben, können zwei Zeitungsbeiträge nicht geben. Grund genug für Jauch, es in 60 Minuten Sendezeit zu versuchen.

Emotionen gegen Sachlichkeit

Zu Beginn der Sendung sitzen links und rechts von Jauch nur Reiter und Müntefering. Die anderen Gäste, die Pastorin Petra Bahr und der Arzt Uwe-Christian Arnold kommen erst später hinzu. Von Beginn an dreht sich die Diskussion jedoch nicht nur um das Pro und Contra zur aktiven Sterbehilfe. Es ist ein Duell zwischen dem sachlich argumentierenden Franz Müntefering und dem von persönlichen Emotionen angetriebenen Udo Reiter. Die gleiche Trennung verläuft aber auch zwischen Jauch und seiner Redaktion – während der Moderator insbesondere Reiter immer wieder nüchterne Nachfragen stellt, appellieren die kurzen thematischen Einspieler an die Gefühle des Publikums.

Die Argumentation von Reiter und Müntefering hat man in früheren Sterbehilfe-Debatten schon mehrfach gehört. Der ehemalige SPD-Chef vertritt die Ansicht, es müsse eine Möglichkeit geben, schwer kranken Menschen den Prozess des Sterbens so schmerzfrei wie möglich zu machen. Die Möglichkeiten der Palliativmedizin - eine Disziplin, die sich nicht mit der Heilung von Krankheiten, sondern der Linderung der Symptome befasst - seien dazu gut geeignet. Ein generelles Recht zu sterben, lehnt Müntefering ab: "Jedes Leben ist wertvoll. Wir dürfen nicht anfangen, über die Nützlichkeit von Menschen zu diskutieren, nur weil sie auf Pflege angewiesen sind." Zudem sei ein Großteil der Selbstmorde in Deutschland auf psychische Erkrankungen zurückzuführen, die heilbar sind. Ein generelles Recht seinem Leben ein Ende zu setzen, wie Reiter dies fordert, würde ein "gefährliches Zeichen" setzen.

Während Müntefering unterschiedliche Argumente anführt, wiederholt Udo Reiter im Wesentlichen eine einzige Aussage: "In einer freien, selbstbestimmten Gesellschaft sollte jeder Mensch diese Entscheidung treffen können", sagt Reiter immer wieder. Auf Jauchs Nachfrage, ob Reiter dieses Recht auch jungen Menschen, die nicht sterbenskrank sind, geben will, weicht der frühere MDR-Intendant aus. Eine Antwort darauf, ob es aus seiner Sicht Grenzen für ein allgemeines Recht auf Sterben geben sollte, gibt Reiter nicht. Stattdessen spricht er von persönlicher Freiheit und davon, dass er es ablehne ein Pflegefall zu werden. Auch als Jauch fragt, ob nicht auch Pflegebedürftige ein würdiges Leben führen könnten, weicht Reiter aus.

Viele Fragen, keine Antworten

Schon die Debatte zwischen Müntefering und Reiter könnte mehr als die zur Verfügung stehenden 60 Minuten Sendezeit füllen. Durch die zusätzlichen Gäste werden jedoch auch ethische, moralische, philosophische und theologische Aspekte der komplexen Thematik angerissen. Zeit, einen davon auch nur im Ansatz auszudiskutieren, bleibt nicht. Hinzu kommt, dass im Rahmen der Diskussion häufig kein Unterschied zwischen Suizid, aktiver und passiver Sterbehilfe gemacht wird. Für den Zuschauer ist lange unklar, wo die Grenzen dazwischen liegen und welche rechtlichen Vorgaben in Deutschland derzeit gelten. Ein erläuternder Einspieler wird erst 15 Minuten vor Ende der Sendung gezeigt.

So endet diese Aussprache über das komplexe Thema Sterbehilfe ohne Ergebnis. Viele aufgeworfene Fragen werden nicht mehr beantwortet. Da hilft auch der Hinweis nicht, dass der Bundestag in der aktuellen Legislaturperiode über viele der genannten Argumente debattieren soll. Zumindest können sich die Abgeordneten mehr Zeit für diese wichtige Diskussion nehmen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker