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TV-Kritik "Maybrit Illner": Alle Macht den Allgemeinplätzen

Kein anderer Moderator hat seine Talkshow so gut im Griff wie Maybrit Illner - bis zum gestrigen Abend: Da fuhr ihr nicht nur Sahra Wagenknecht immer wieder in die Parade.

Von Christoph Forsthoff

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

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Der Servicebeitrag am Ende sollte die verkorkste Diskussion wohl noch retten: Da durfte Verbraucherschützerin Edda Castello noch ein paar Tipps zur richtigen Geldanlage geben - und stellte erst einmal fest, dass die Hälfte der Bevölkerung ja gar nichts zum Sparen übrig habe, sondern dauerhaft im Dispo lebe oder einen Ratenkredit laufen habe. Den anderen empfahl die Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg "festverzinsliche Papiere - alles andere ist mit Risiko verbunden". Welch eine Erkenntnis - und doch leider symptomatisch für die gestrige Runde, die nur selten einmal über längst Bekanntes und ökonomische Binsenweisheiten hinauskam.

Keine Chance der Diskussion

Woran indes auch Maybrit Illner ihren Anteil hatte, denn so provokant das Thema "Alle Macht den Schulden - wird Deutschland in Brüssel über den Tisch gezogen" auch formuliert war, so dürftig blieben doch letztlich die Inhalte. Zum einen, da Sahra Wagenknecht nicht nur den anderen Diskutanten, sondern auch der Moderatorin immer wieder über den Mund fuhr, ohne dass ständig wiederholte linke Allgemeinplätze wie "Was wir vor allem retten, sind die Bankschulden" die Debatte nun voran gebracht hätten; zum anderen, da die Politiker-Unart, dem anderen ins Wort zu fallen, auch vor anderen Berufsgruppen nicht Halt macht. Und Illner hatte Mühe, den einzelnen Teilnehmern wie auch sich selbst Gehör zu verschaffen: An eine geordnete Diskussion, in der ein Argument auf das andere trifft, war da nicht mehr zu denken.

Auseinandersetzung ohne Tiefe

Dabei wäre es schon interessant gewesen, jene Begegnung der dritten Art mit Francois Hollande zu vertiefen, von der Hans-Peter Keitel erzählte: Hatte der neue französische Ministerpräsident dem deutschen BDI-Präsidenten doch jüngst verkündet, der Staat werde jetzt solange Wachstum in Frankreich organisieren, bis die Franzosen auf Augenhöhe mit Deutschland seien. "Wenn ich das so einfach könnte, würde ich das in meiner Firma auch so machen", meinte Keitel nur ironisch. Doch diese absurde volkswirtschaftliche Betrachtung blieb ebenso unbeachtet wie seine Feststellung, ein großes Problem der französischen Wirtschaft sei, dass diese vor allem "im Vorproduktmarkt und nicht im Endproduktmarkt" wachse - oder hätte eine solche Auseinandersetzung der Debatte dann allzu viel Tiefe verliehen?

Die alten Klassenkampfparolen

Stattdessen also die Wiederholung bereits x-mal vernommener Argumente und Debatten um einen Marshall-Plan für Griechenland und eine höhere Eigenkapitalisierung der Banken, abgegriffene Klassenkampfparolen Wagenknechts wie "Sie zerstören in Europa die soziale Marktwirtschaft" an die Adresse Keitels oder ein Schönreden der Situation durch Michael Kemmer. "Die Banken haben ihre Lehre aus der Krise gezogen", behauptete der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes - und zog damit sogleich die Widerrede Wolfgang Bosbachs auf sich: Es dürfe einfach nicht sein, dass einzelne Banken nach wie vor ganze Volkswirtschaften an den Abgrund stellen könnten, befand der selbst ernannte Euro-Rebell. Und verlangte indirekt eine Zerschlagung solch großer Banken.

Der konservative CDU- Bundestagsabgeordnete war mit dieser Forderung gar nicht so weit entfernt von SPD-Mann Martin Schulz. Der Präsident des Europäischen Parlaments wollte vor allem die Investmentbanker an die Kandare nehmen. "Das Zocken geht immer noch weiter. Wir brauchen ein Verbot." Auch diese Aussage hätte sich für eine Vertiefung angeboten. Allein: Da war die Sendezeit dann schon überzogen. Während mancher Zuschauer sich am Ende angesichts solch einer Pseudo-Diskussion eher über den Tisch gezogen fühlte.