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TV-Kritik "Maybrit Illner" Alt ist das neue Jung


Rentendiskussion ohne Rumms: beim TV-Talk versicherten sich mehrere ältere Damen und Herren, dass sie gar nicht alt seien. Doch dann kam das "Traumschiff" ins Spiel – und Telefonsex.
Von Sophie Lübbert

Bei seinem Alter versteht Karl Dall keinen Spaß. "Ich bin 71, da bestehe ich drauf", sagt er empört und zieht die Augenbraue missbilligend hoch. Wäre ja noch schöner, wenn ihn jemand jünger machte, als er ist – erst recht, wenn es von einem Küken wie Talk-Moderatorin Maybrit Illner kommt. Die hatte sich den Entertainer-Senior eingeladen, um in ihrer Runde über die Rentenproblematik zu sprechen. "Malochen statt Mallorca: Fällt der Ruhestand bald flach?", lautete das markig formulierte Thema.

Die Gesellschaft wird immer älter. Muss also das Pensionsalter mit der steigenden Lebenserwartung angehoben werden? Was ist gerecht gegenüber nachfolgenden Generationen, die für die jetzigen Alten einstehen müssen, aber selber kaum auf eine sichere Rente hoffen können? Schwere Fragen, auf die die Runde keine Antwort fand. Dabei waren die Gesprächspartner durchaus passend ausgewählt: kompetent, klug, klar formulierend. Das Problem: sie waren sich einig – und zu gut gelaunt.

Da saßen Ärztin Marianne Koch, 80, und Ex-Bundesministerin Renate Schmidt, 69, beide erstaunlich faltenfrei und perfekt frisiert, und erzählten, welche Freiheiten ihnen das Alter gegeben habe. Dass man Neues ausprobieren, Geist und Körper fit halten könne. Die Zeit, sich um die Enkel zu kümmern "wird irgendwann noch kommen", sagte Schmidt und meinte damit: jetzt noch nicht. Koch glaubte genauso: "Ich fühle mich nicht alt". Gemeinsamer O-Ton: wer will schon nach Mallorca, wenn er auch malochen darf?

"Ich werde depressiv, wenn ich ans Alter denke"

Mediziner und Theologe Manfred Lütz, 58, pflichtete bei. Er ging sogar noch ein Stückchen weiter. Es gelte, das Alter als etwas Schönes anzusehen. Der herrschende Jugendwahn sei der wahre Fluch der Gesellschaft. Menschen, die ununterbrochen Sport machten und "nur Körner essen", mit denen könne er nichts anfangen.

Das klang alles beinahe zu gut, um wahr zu sein. Das Alter als zweite Jugend, nur dieses Mal kombiniert mit den Erfahrungen eines ganzen Lebens? Doch bevor die Begeisterung und die Kluft zum ursprünglichen Thema zu groß werden konnte, schaltete sich eine mahnende Stimme ein. Sie gehörte Wolfgang Gründinger, 28, und was sie sagte, gefiel den anderen überhaupt nicht. Es war kritisch, sogar – huch! - politisch. "Wir brauchen eine Infrastruktur, die in Kinder und Jugendliche investiert", mahnte Gründinger. Er wolle niemandem etwas wegnehmen, "auch ich habe eine Omi", aber mit der jetzigen demographischen Entwicklung könne das alte System nicht funktionieren. Der Generationenvertrag werde gebrochen: "Ich werde depressiv, wenn ich ans Alter denke."

Telefonsex-Dame als Job-Angebot für die 71-Jährige

SPD-Frau Schmidt ließ sich zu einem gönnerhaften "Da hat der Herr Gründinger schon recht" hinreissen. Zu einer weiteren Beschäftigung mit der Lage der Jugend oder der deutschen Politik zu diesem Thema allerdings nicht. Das passte doch so gar nicht ins Konzept des allemeinen Ich-bin-alt-und-das-ist-toll-Tenors des Abends.

Dass es dann aber doch noch interessant wurde und nicht alles in Lobpreisungen des Alterns unterging, dafür sorgte der Auftritt von Marie-Luise Gillessen. Die sehr sympathische 71-Jährige erzählte lachend, dass ihr ein Nebenjob als Telefonsex-Dame angeboten worden sei – aber auch, warum sie überhaupt einen Job suchte: die Rente reichte nicht. Sie arbeitete nicht aus reiner Freude, sondern weil sie das Geld brauchte.

Daraus hätte eine gute Diskussion zum Thema Altersarmut werden können. Wurde es aber nicht. Stattdessen stimmten wieder alle zu. Zu wenig Geld und Pflegekräfte, teure Hospizplätze, alles nicht gut. Was man dagegen machen konnte, wusste aber leider niemand. Ohnehin sprachen die Gäste darüber, als ob diese zweite dunkle Seite des Alterns weit weg von ihnen liege. "Wenn Du in einem Heim sitzt und rumsabberst, das finde ich nicht elegant", gab Dall zwar zu, aber das zog sofort eine Ermahnung der anderen rüstigen Rentner nach sich. Zu negativ, tolle Zeit, alles super – und zur Stimmungs-Auflockerung erzählte Mediziner Lütz noch launige Kalauer aus seinem Leben.

"Sonst zeigt der Sender immer nur das Traumschiff"

Wenn sich aber alle einig waren: die Alten müssen (Gründinger, Gillessen) und wollen (alle anderen) länger arbeiten – blieb nur noch die praktische Frage: wo und als was denn? Einen Dachdecker kann man mit 80 nicht mehr aufs Dach steigen lassen. Glücklicherweise fiel Lütz dann doch noch eine Branche ein, in der mentaler und körperlicher Verfall vermutlich kein Hindernis darstellen: die Politik.

Und genau jetzt wurde es doch noch spannend. Denn außer Lütz wollte niemand noch mehr Menschen im Pensionsalter im Parlament. Endlich kam eine richtige Diskussion auf. Und plötzlich stand der 28-jährige Gründinger nicht mehr allein auf verlorenem Posten – und wurde dadurch so übermütig, dass er gleich den ZDF-Vorstand durch junge Leute ersetzen wollte: "Sonst zeigt der Sender immer nur das Traumschiff."

Leider war in dem Moment die Sendezeit vorbei. Schade, denn aus dem aufkeimenden Gespräch hätte wirklich etwas werden können: vielleicht keine Lösung aller Renten-Probleme, aber wenigstens eine richtig gute Sendung. Aber so blieb insgesamt nur der Satz von Mediziner Lütz in Erinnerung: "Ich finde diese Debatten langweilig." Das konnten Zuschauer jeden Alters nachempfinden.

Sophie Lübbert

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