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TV-Kritik "Maybrit Illner": In hilflosen Phrasen erstarrt

Es ist eines der wichtigsten Probleme vieler Familien: Wie kann man die Pflege für Senioren, die an Demenz und anderen Alterskrankheiten leiden, wirklich sicherstellen? Die ZDF-Talkrunde von Maybrit Illner konnte bei dieser Frage allerdings auch nicht weiterhelfen.

Von Ralf Klassen

Pflegepatient: immenser Aufwand, der oft Jahre dauert

Pflegepatient: immenser Aufwand, der oft Jahre dauert

Am Anfang war die Überraschung. Da schien gestern ganz Deutschland – zumindest das mediale und politische – in Terror-Angst gefangen zu sein, Anschlagsexperten aller Parteien überboten sich mit guten Ratschlägen und wohlfeilen Analysen - und bei Maybrit Illner mitten aus Berlin-Mitte redete man über Altenpflege und nicht über Bomben und Attrappen. Das Festhalten der Redaktion am geplanten Thema statt eines schnellen Umschwenkens auf das allgegenwärtige Sujet Terror - es blieb leider die einzige Überraschung an diesem Abend.

Denn was die bei Illner versammelten Gäste zum Thema "Angst vor dem Heim - wird gute Pflege unbezahlbar?" zu sagen hatten, war bestenfalls bereits bekannt, meistens jedoch noch enttäuschender.

Dabei hat das Problem mit der Pflege wahrscheinlich sehr viel größere - die Wortwahl sei erlaubt - Sprengkraft für diese Gesellschaft als jede Terrorbedrohung islamischer Fanatiker. Denn immer mehr zeigt sich, dass kaum jemand hierzulande - ob Politiker, Gesundheitsexperte oder Bürger - wirklich auf den immens ansteigenden Pflegebedarf eingestellt ist, der sich durch die Folgen einer ständig älter werdenden Gesellschaft ergibt. Die Kehrseite der Medaille einer immer höheren Lebenserwartung ist bereits heute jeden Tag in Deutschlands Altenheimen zu sehen: Mit dem Erreichen eines Lebensalters von 80 Jahren, heutzutage nichts Unnormales, beträgt das Pflegerisiko rund 40 Prozent. Schon jetzt ist der Betreuungsaufwand für vor allem an Demenz erkrankte Senioren so hoch, dass das Personal von Krankenhäusern, Stiften und Heimen kaum nachkommt.

Und das sind die wirklich wichtigen Fragen: Wo sind die gut ausgebildeten, vernünftig honorierten Pflegekräfte für die speziellen Anforderungen? Wer soll das alles - Einrichtungen, Ausbildung, Kontinuität der Pflege - bezahlen? Und schließlich: Was tun wir alle als Gesellschaft dafür, dass Altern in Deutschland nicht zu einem gewaltigen Problem wird? Wo ist, neben ein paar Hochglanzinfobroschüren, der Beitrag von Politik und Krankenkassen, der Angehörigen von demenzkranken und anderen pflegebedürftigen Alten hilft, die oft jahrelange Pflege sowohl finanziell als auch psychisch leisten zu können?

Rührende Einzelgeschichten statt echter Analyse

Diese Dimension wirklich zu erfassen, gelang den Gästen der Runde nicht. Ja, man stritt noch nicht einmal richtig, weil der Konsens, wie wichtig das Thema sei, alle Beteiligten in altbekannten, aber hilflos wirkenden Phrasen erstarren ließ. Eine Lösung, oder zumindest einen Ansatz dazu, bot niemand. So blieb es bei durchaus rührenden Einzelgeschichten, wie der von Schauspielerin Sophie Rosentreter, die eindrucksvoll über die Demenzerkrankung ihrer Großmutter sprach. Oder der von Peer Juhnke, Arzt und Sohn von Harald Juhnke, der über seine negativen Erfahrungen mit dem Altersheim seines Vater berichtete.

Und was der Pflege-Gutachter Martin Bollinger über den Zustand der deutschen Seniorenheime zu sagen hatte ("Die Pfleger sind so damit beschäftigt, die nächste Kontrolle der Krankenkassen zu überstehen, dass alles andere vergessen wird."), war zwar auch ganz interessant, half dem Zuschauer aber auch nicht weiter. Denn der möchte im Zweifel wissen, wie er sich auf die Pflegebedürftigkeit - entweder seine eigene oder die seiner Eltern - einstellen kann. Dazu aber war in der Runde kaum etwas Konkretes zu hören, auch wenn Maybrit Illner immer wieder tapfer nachfragte.

Auch die beiden Berufspolitiker in der Runde, Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und CDU-Urgestein Norbert Blüm schließlich ergingen sich in bekannten Parolen: "Bitte rechtzeitig auch privat vorsorgen!" - "Man darf den Menschen keine Angst vor dem Alter machen."

Vor allem Blüm, der als Erfinder der Pflegeversicherung gilt, machte den beinahe schon rührenden Eindruck eines Mannes, der sein Lebenswerk verteidigen muss. Reflexartig wiederholte er auf jede Kritik an der Pflegesituation in Deutschland sein Mantra: "Die deutschen Heime sind viel besser geworden." Viel mehr fiel ihm zu diesem Thema nicht ein. In diesen Momenten sah Norbert Blüm richtig alt aus.

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