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TV-Kritik "Oliver-Pocher-Show" Ein Moderator schafft sich ab


Der Comedian Oliver Pocher hat sich immer noch nicht warm gelaufen. Auch das neue Konzept seiner Sat.1- Show hat XXL-Gähnfaktor. Da helfen weder peinliche Kachelmann-Parodien noch Bierdeckelwerfen mit Johannes B. Kerner. Was als Comedy gehandelt wird, ist einfach nur Trash.
Von Sylvie Sophie-Schindler

Ist Thilo Sarrazin wirklich Thilo Sarrazin? Oder ist es Oliver Pocher mit Schnauzbart und Brille? Man kann es ja nie wissen, in diesen Tagen ist alles möglich. In Trittbrettfahrer-Mentalität ist der Sat.1-Moderator am Montag bereits als Jörg-Kachelmann-Double aufgetreten. Vor dem Landgericht Mannheim, zum Prozessauftakt gegen den wegen Vergewaltigung angeklagten TV-Wetterexperten, stiefelte auch der Pocher herum - speckige Lederjacke, Dreitagebart, knapp schulterlange Haare. Eine entfernte Ähnlichkeit mit Kachelmann war vorhanden. Im Schlepptau hatte er ein paar junge Frauen als "Lausemädels" - so soll Kachelmann seine Freundinnen genannt haben. Diese peinliche Paraodie wurde am Freitagabend als Trailer in der "Oliver Pocher Show" gezeigt. Unübersehbar eine verzweifelte SOS-Maßnahme, um die im Keller liegenden Quoten nach oben zu treiben.

Und nicht die einzige: Nach der Sommerpause startete Pocher, dessen Show einfach nicht richtig in Gang kommen will, mit einem überarbeiteten Konzept. Nach der ersten neu formatierten Sendung, die auf den Sendeplatz um 23.15 Uhr rutschte, hätte man noch von Anlaufschwierigkeiten sprechen können. Doch spätestens mit der dritten Folge am Freitagabend hätte man erwarten können, dass sich der Comedian warm gelaufen hat. Fehlanzeige. Während noch heiß diskutiert wird, was dran ist an der Sarrazin-These "Deutschland schafft sich ab", steht bereits heute fest: Ein Moderator schafft sich ab.

Dialoge mit XXL-Gähn-Faktor

Als Pocher im Oktober 2009 mit der "Oliver Pocher Show" an den Start ging, war er neben Johannes B. Kerner eine der großen Hoffnungen für Sat.1, mit denen die Marke und das Image des Senders aufpoliert werden sollten. Am Freitagabend saßen die einstigen Hoffnungsträger bemüht lässig auf der Couch von Gastgeber Pocher, grinsten wie Barbie-Mann Ken und sagten belanglose Sätze auf. Spontanität strikt verboten. Der Talk, an Stumpfsinnigkeit nicht zu überbieten, schien wie auswendig gelernt. Kein Wunder, Gespräche zu führen, war noch nie Pochers Stärke. Und so kam es dann zu Dialogen mit XXL-Gähn-Faktor. Beispielsweise Kerners Kommentar zum Kachelmann-Prozess: "Die ganze Sache ist nicht erfreulich." Und Pocher, der dann bekräftigte: "Das ist ein ernstzunehmender Prozess." Oder das "Gespräch" über Angela Merkel. "Was hältst du von der Kanzlerin?", fragte Pocher. Dazu Kerner: "In der Krise hat sie ihre Sache gut gemacht."

War da sonst noch was? Nichts, was den Zuschauer aus der lähmenden Langeweile hätte reißen können. Deshalb nur der Vollständigkeit halber: Pocher parodierte die bekannte TV-Heulattacke von Liliana Matthäus und jammerte: "Ich bin keine brühwurstlippige Hohlfritte." In der sogenannten "Angela-Virale-Schmunzel-Show", gab sich Pocher als coole Kanzlerin, die seltsame Podcasts präsentierte, etwa von einem Lämmchen namens Guido. Verkrampfter Witz, mehr nicht. Lustiger wurde es nicht. In einem Wettbewerb um das "Sendergesicht 2010" traten Pocher und Kerner in den Disziplinen Bierdeckel-Fangen, Quiz und Kicken gegeneinander an. Kerner: "Das ist lustig gewesen." Pocher: "Das macht Spaß." Märchenerzähler kommen wohl nie aus der Mode. Doch die Zuschauer fallen nicht auf jede Augenwischerei herein. Was als Comedy gehandelt wird, ist einfach nur Trash.

Ein Trauerspiel

Ach ja, noch vor der Sommerpause war von Veränderungen die Rede. Eine klassische Latenight-Show sollte es nicht mehr werden. Immerhin, dieses Versprechen wurde gehalten. Verschwunden ist auch, wie angekündigt, die Showtreppe. Der Grund: Pocher soll endlich mehr Platz für Interaktionen mit Gästen und Publikum bekommen. Auch neu: Pocher wird vermehrt in Außeneinsätzen zu sehen sein und weniger bekannte Talk-Gäste einladen. Fragt sich nur: Kann man Quoten retten, indem man einfach die Showtreppe entfernt?

Fakt ist: Die Karriere des Oliver Pocher ist inzwischen ein Trauerspiel. Die "Oliver Pocher Show" startete erst im vergangenen Jahr. Bereits von Beginn an fiel Pocher in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen durch. Im aktuellen Jahr 2010 erreichte er sogar noch nie die Zehn-Prozent-Marke, die Marktanteile lagen auch nach der Sommerpause bei nur 9 und 6,5 Prozent. Pochers Sinkflug begann spätestens als Sidekick von Harald Schmidt. Dort wurde er öffentlich gedemütigt, indem seine intellektuelle Unterlegenheit vorführt wurde. Mag sein, dass Pocher ein Faible für die Selbsterniedrigung hat. Wenn man beispielsweise bedenkt, dass er einst als Zeuge Jehovas Passanten in der Fußgängerzone bekehren wollte, dann kann man sich vorstellen: So einer ist gegen Schlappen enorm resistent.

Doch in Zeiten, in denen so viel von Rücktritten die Rede ist, mag man auch Oliver Pocher wünschen, dass er aus Schaden endlich einmal klug wird. Er hat doch sonst ein schönes Leben, gerade jetzt, da er Familienvater geworden ist. Und außerdem hat er auch noch einen ordentlichen Beruf gelernt. Als Versicherungskaufmann arbeitete er bei einer Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt. Vielleicht sollte er da einfach mal wieder anklopfen.


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