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TV-Tipp 15.9.: Doku "Carl Lutz - der vergessene Held": Lebensretter ohne Befugnis

Ein Schweizer Diplomat rettete während des Zweiten Weltkriegs zehntausende ungarische Juden. Zurück in der Heimat gab es ein Verfahren wegen Kompetenzüberschreitung. Unser TV-Tipp des Tages.

Den Krieg überlebt: Carl Lutz in der zerstörten britischen Botschaft in Budapest

Den Krieg überlebt: Carl Lutz in der zerstörten britischen Botschaft in Budapest

"Carl Lutz - der vergessene Held"
21.05 Uhr, 3Sat
DOKU Es gibt Geschichten, die sind so unglaublich, dass sie nur wahr sein können. Bei dieser aber musste ich erst einmal stutzen. Da soll es zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs einen Mann gegeben haben, einen Schweizer Diplomaten, der zehntausenden Juden mit gefälschten Papieren das Leben gerettet hat und darüber auch noch persönlich mit Adolf Eichmann, dem Chefarchitekten der Shoa, verhandelte? Müsste eine Rettungsaktion von solcher Größenordnung nicht in sämtlichen Geschichtsbüchern stehen? Stattdessen Fragezeichen. Von einem Carl Lutz hatte ich jedenfalls noch nie gehört.

Dabei ist die Geschichte dieses Mannes so spannend, so tragisch und - ja - heroisch, dass man sich fragt, warum Steven Spielberg noch nicht an die Tür geklopft hat. (Nicht mal die verbotene Liebesgeschichte müsste er hinzudichten!) Lutz, einer der hochrangigsten Schweizer Diplomaten in Budapest, einer, den die Nazis bis herauf ins Führerhauptquartier respektierten, wird Schreibtischtäter im besten Sinne, als die Judenverfolgung 1944 die ungarische Hauptstadt erreicht. Eigenmächtig stellt der Vizekonsul schützende Dokumente für Juden aus und bewahrt so Zehntausende vor der Deportation nach Auschwitz - direkt unter den Augen der Nazis. Zur selben Zeit lässt Lutz mehrere Häuser anmieten und stellt sie unter diplomatischen Schutz. Die jüdischen Einwohner der Stadt finden dort Zuflucht und (relativen) Schutz vor den Todeskommandos der Pfeilkreuzler, den ungarischen Nationalsozialisten. Das eigene Happy End bliebt dem Diplomaten allerdings verwehrt. Er verbittert, weil nach dem Zweiten Weltkrieg niemand in der Schweiz seine Leistungen anerkennt. Statt Ehrungen setzt es ein Verfahren wegen Kompetenzüberschreitung und zu hoher Spesen. Die Suche nach Anerkennung im eigenen Land gerät schließlich zur Obsession, die Lutz bis zu seinem Tod 1975 verfolgt.

Schon alleine, dass Dokumentarfilmer Daniel von Aarburg dieses eher unbekannte Kapitel der Weltkriegsgeschichte wieder ausgegraben hat, ist ihm hoch anzurechnen. Doch auch die Form gelingt: Aarburg gestaltet seine Dokumentation als persönliche Suche, als eine Art Abenteuer. Wir Zuschauer fiebern mit, wie sich der Ich-Erzähler im Verlauf des Films immer weiter dem Menschen Carl Lutz annähert, wie er seine Stieftochter trifft, überlebende Budapester Juden befragt und den pensionierten Oberrabbiner der Hauptstadt mit Schweizer Schokolade zum Interview "überredet". Selbst den verstorbenen Lutz lässt Aarburg in bewegten Bildern zu Wort kommen. Der begeisterte Hobbyfilmer und Fotograf hatte sich kurz vor seinem Tod selbst gefilmt und seine Sichtweise der Ereignisse der Kamera anvertraut.

Natürlich ist das einseitig, natürlich schreiben hier alle Beteiligten an eben jener Haigiographie, die Lutz zu Lebzeiten verwehrt wurde. Und es macht es Lutz sicherlich nicht sympathischer, dass er später so lautstark um Anerkennung für seine Taten buhlte. Aber sollte die eigentliche Frage nicht lauten, warum ihm die Schweiz so lange eben jene Anerkennung verwehrt hat? Vielleicht ist so ein kleines Denkmal ja gar nicht schlecht. Stürzen wir es nicht um, bevor es überhaupt gebaut wurde.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern