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TV-Tipp 2.9.: "Die Geschichte vom weinenden Kamel": Musik und Mutterliebe

Die mongolische Filmemacherin Byambasuren Davaa erzählt eine Geschichte, so schön wie ein Märchen: Eine Kamelmutter verstößt ihr Neugeborenes. Jetzt kann nur noch ein uraltes Ritual das Baby retten.

"Die Geschichte vom weinenden Kamel"
22.15 Uhr, BR
DOKUDRAMA Eines Tages beschloss Gott, das Kamel für die Reinheit seines Herzens zu belohnen und schenkte ihm ein prächtiges Geweih. Da kam ein Reh zum Kamel. Darf ich mir dein Geweih ausleihen, fragte es. Im Westen gibt es eine große Feier, ich möchte mich damit schmücken. Das Kamel vertraute dem Reh und gab ihm sein Geweih. Doch das Reh kam niemals zurück. Und so starrt das Kamel bis heute auf den Horizont und wartet.

"Die Geschichte vom weinenden Kamel" beginnt mit einer Legende und geht weiter wie ein Märchen. Eine trächtige Kamelstute gebiert unter schlimmen Schmerzen ein Fohlen - und verstößt das Neugeborene. Unter normalen Umständen ein Todesurteil. Doch die Nomadenfamilie, die seit vier Generationen mit ihrer Herde in der Wüste Gobi lebt, weiß um ein uraltes Ritual. Ein Geiger wird herbeigerufen. Die Kraft seiner Musik und der traurige Gesang der Großmutter sollen das Herz des Tieres erweichen - und das zerrissene Band zwischen Kind und Mutter kitten.

Es ist ein ruhiger, fast meditativer Film, den die Regisseurin Byambasuren Davaa 2002 in ihrer alten Heimat Mongolei gedreht hat. Ein Film, der auf einen erklärenden Erzähler verzichtet und ganz auf die Kraft seiner Bilder vertraut. Ein Film, der sich ganz dem Zufall überlassen hat. Nicht mal ein Drehbuch gab es, nur die Nomadenfamilie und ihre Herde. Alles weitere würde sich schon fügen, da war sich Davaa sicher.

Es fügte sich. Drei Jahre später wurde die Filmemacherin zu den Oscars eingeladen, "Die Geschichte vom weinenden Kamel" war in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" nominiert worden. Eine schöne, eine überraschende Geste: Die Welt des schönen Scheins, der Hektik und der großen Worte verneigt sich vor der Zeitlosigkeit. Denn das wirklich Fremde in der Welt dieser Nomadenfamilie sind nicht ihre Kleider, ihre Gebräuche oder die Sprache. Das wirklich Fremde ist die Gelassenheit und Ruhe, die das Leben der Menschen wie einen Kokon zu umhüllen scheint.

PS: Wer mehr über die Entstehung des Films erfahren möchte - die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat 2005 ein sehr lesenswertes Gespräch mit Byambasuren Davaa geführt.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Schluss mit schnell"
22.10 Uhr, Arte


DOKU Gegenmodelle zu den Hamsterrädern der globalisierten und digitalisierten Gesellschaft können beispielhaft für die Welt von morgen sein. Philippe Borrel traf Menschen, die nach Strategien für ein unabhängiges, entschleunigtes Leben suchen. Anregendes Plädoyer gegen den Stress. (bis 23.40)

"Micmacs – Uns gehört Paris!"
23.15 Uhr, WDR


TRAGIKOMÖDIE Auf einer Pariser Müllhalde organisieren friedliebende Käuze den Aufstand gegen die französische Waffenlobby. - "Amélie"-Schöpfer Jean-Pierre Jeunet drehte mit Dany Boon ("Willkommen bei den Sch’tis") und Omar Sy ("Ziemlich beste Freunde"). Ein verlässliches Trio. (bis 1.00)

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