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TV-Tipp 23.6.: "Midnight in Paris": Auf eine Zigarette mit... Ernest Hemingway

Ist Woody Allen altersmilde geworden? In "Midnight in Paris" verklärt der Regisseur die gute alte Zeit. Dabei birgt der Film eine revolutionäre Idee in sich.

"Midnight in Paris"
22.00 Uhr, ZDF
WOODY-ALLEN-FILM Im Kern meines Herzen bin ich doch Romantiker. Nicht die Sorte, die plötzlich mit 100 roten Rosen vor der Tür der Angebeteten steht. Aber jemand, der gelegentlich vom Damals träumt, von der guten, alten Zeit, als die Gedanken noch frei und offen waren. Von jener goldenen Epoche, in der es Dichtern und Denkern möglich war, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Ob es einen solchen Moment jemals gegeben hat? Völlig egal, sagt Woody Allen und erzählt ein Märchen, in dem es sein Alter Ego Gil Pender (gespielt von Owen Wilson) auf wundersame Weise in das Paris der Zwanziger Jahre versetzt und Pender auf seine großen Helden Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Gertrude Stein trifft.

Meiner Kollegin Sophie Albers war "Midnight in Paris" zu zahnlos geraten, "altersmilde" nannte sie das Werk des als neurotisch geltenden Regisseurs. Doch bei mir traf der Film genau den richtigen Nerv. Nun bin ich kein berühmter US-amerikanischer Drehbuchschreiber, wie ihn Owen Wilson in seiner Rolle verkörpert. Aber die Träume und Sehnsüchte, die er durchlebt, das Gefühl, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein, das kenne ich.

Wer es heutzutage wagt zu experimentieren und nicht mit Anfang 20 den perfekten Lebensplan in petto hat, wird schnell als weltfremder Träumer verschrien. Und wer kennt nicht diesen leisen Zweifel, der einen nach den ersten Jahren im Arbeitsleben beschleicht? "Wenn ich nicht in diese Tretmühle geraten wäre..." beklagt sich Pender zu Beginn des Films bei seiner Verlobten, die so eindeutig nicht zu ihm passt, dass ihr Verhältnis an ein Klischee grenzt.

Ja, "Midnight in Paris" besitzt sicher nicht die Schärfe, für die Woody Allens frühe Meisterwerke bekannt sind. Aber ist in einer Welt, in der Sicherheit über alles geht, nicht gerade der Glaube an die Romantik wieder revolutionär? Vielleicht ist "Midnight in Paris" damit der mutigste Film, den Allen je gedreht hat. Weil der Neurotiker gelernt hat, loszulassen und sich einem Traum hinzugeben.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern




Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Geschundenes Zelluloid"
22.25 Uhr, Arte

DOKU Der Antikriegsfilm "Im Westen nichts Neues" (20.15) von 1930 wurde nach politischer Willkür gekürzt, neu geschnitten oder geächtet. In der 30 Jahre alten Dokumentation von Filmspezialist Hans Beller erinnert sich u. a. Hauptdarsteller Lew Ayres an die verschiedenen Versionen. (bis 22.55)

"Chloe"
20.15 Uhr, EinsFestival

PSYCHOTHRILLER Eine Nachricht auf dem Handy ihres Mannes (Liam Neeson) provoziert Gynäkologin Catherine (Julianne Moore) zu einem Schritt mit unabsehbaren Folgen: Die Hure Chloe (Amanda Seyfried) soll Davids Treue testen... Bis auf den Showdown sehr raffiniert. (bis 21.40)