VG-Wort Pixel

ZDF-Comedy "Nachgetreten!" Das Cordoba des TV-Humors


Wenn die WM-Spiele abgepfiffen sind, schlägt im ZDF die Stunde der Comedians. Mehr als ein Feuerwerk aus Herrenwitzen, aufgewärmten Ressentiments und Rohrkrepierern springt für den Zuschauer jedoch nicht dabei heraus.
Von Carsten Heidböhmer

Auch wenn die ganz großen Spiele bislang eher rar gesät waren - die Fußball-WM hatte bisher viele dramatische Partien zu bieten. Nach vielen Stunden Dramatik und Analyse ist es für den Fan oft schwer, einfach abzuschalten. Und so haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender etwas einfallen lassen, um den Adrenalin-Pegel der Zuschauer sanft herunterzufahren und sie aufs Bett vorzubereiten. So wird in "Waldis WM-Club" im Ersten noch einmal in kleiner Runde über die zurückliegenden Spiele debattiert.

Das Zweite will dagegen noch Witzigeres aufbieten als Waldemar Hartmann - was ja, mit Verlaub, nicht allzu schwierig ist - und lässt im Anschluss an die Fußball-Übertragung im ZDF fünf Komiker unter der Führung von Ingolf Lück das Spielgeschehen noch einmal Revue passieren. "Spritzig, humorvoll und scharfzüngig" soll es bei "Nachgetreten!" nach eigener Aussage zugehen. Die Möglichkeiten waren da: Genug Stoff für eine humoristische Nachbetrachtung hatten die vier Viertelfinal-Spiele ja gegeben. Was sich dann aber über den Zuschauer ergoss, war eine üble Melange aus abgestandenen nationalen Klischees und Ressentiments, biederen Zoten - und Pointen, die gar nicht erst zündeten. Auch der längst tot geglaubte Herrenwitz feierte mit Anspielungen auf ukrainische Prostituierte seine Wiederauferstehung.

Franzosen als Froschfresser

Der Spruch, dass nach dem Ausscheiden von Argentinien die Fleischlappen bei Maredo auf Halbmast hängen, war noch mit das Lustigste, was dem Zuschauer an diesem Abend geboten wurde. Aber genau nach dem Muster wurden alle nationalen Klischees durch den Fleischwolf gedreht. Argentinier essen Steaks, Italiener Spaghetti ("Zieht den Tottis die Nudeln aus dem Topf", skandierten die komischen Vögel im Fernsehen), in der - höhö - neu getexteten Hymne der Franzosen heißt es "Wir essen Froschschenkel und Schnecken". Auch die Hymne der Engländer versahen die Spaßvögel mit einem neuen Text, in dem noch einmal genüsslich darauf hingewiesen wird, dass Beckham auf den Rasen gekotzt hat. Dabei ist dieses Spiel bereits eine Woche her, und auch darüber wurden schon genügend Zoten gerissen.

Dass Frauen nicht ins Stadion, sondern zum Friseur gehören, musste am Beispiel der Bundeskanzlerin unbedingt noch einmal gesagt werden. Warum Gedanken an derzeitigen Reformen der Regierung verschwenden, wenn man zum 500. Mal einen Witz über Angela Merkels Frisur reißen kann? Angesichts dieser intellektuellen Flughöhe darf eine Beckenbauer-Imitation selbstverständlich nicht fehlen, das hat es ja noch nie zuvor gegeben. Da ist es nicht weit bis zur nächsten Humor-Revolution: Man nehme eine Szene mit Klinsmann und Löw am Spielfeldrand und lege ihnen neue Worte in den Mund. In reinstem Schwäbisch, versteht sich. Damit bewegt sich das ZDF nun endgültig auf dem Niveau von "Die witzigsten Tiervideos".

Käsebrötchen und Lakritzschnecken

Der Brüller des Abends war aber der folgende Witz: Die Nationalspieler bekommen für den Weltmeistertitel 300.000 Euro. Was macht David Odonkor damit? Er geht zum Kiosk und sagt: Ich hätte gern ein Käsebrötchen und für den Rest Lakritzschnecken. Wenn Sie, verehrte Leser, diesen Witz verstanden haben, schicken Sie bitte eine Mail an heidboehmer.carsten@stern.de. Wer die beste Erklärung liefert, erhält zur Belohnung eine Tüte Lakritzschnecken!

Was allerdings die am Samstag im Studio anwesenden "Comedians" Guido Cantz, Oliver Welke, Eckart von Hirschhausen, Kim Fisher und Matze Knop zu sich genommen haben, ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass ihr - von unser aller Fernsehgelder bezahlter - Amateurhumor im Anschluss an Spiele von echten Profis nichts zu suchen haben. Wer sich über die Uninspiriertheit Ronaldinhos und die Bequemlichkeit Ronaldos bei dieser WM beklagt, der findet angesichts der Ideenlosigkeit und Denkfaulheit dieser Fernsehkomiker eine völlig neue Dimension in puncto Arbeitsverweigerung. Bleibt zu hoffen, dass sich beim ZDF jemand verantwortlich fühlt, angesichts dieses "Cordoba des deutschen TV-Humors" bei den verantwortlichen Herren und der Dame einmal gehörig nachzutreten!


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker