HOME
TV-Kritik

ZDF-Film "Aufbruch in die Freiheit": Wer war die Frau auf dem stern-Cover? Die Geschichte einer Abtreibungsaktivistin

Abtreibung war streng verboten und Frauen durften nur mit Einverständnis ihres Mannes arbeiten: Der ZDF-Film "Aufbruch in die Freiheit" zeigt, wie stark sich die Gesellschaft seit den frühen 70er Jahren verändert hat - und welche Rolle der stern dabei spielte.

"Aufbruch in die Freiheit"

Szene aus "Aufbruch in die Freiheit": Charlotte Nikowski (Alwara Höfels, l.) und ihre Schwester Erika Gerlach (Anna Schudt, r.) demonstrieren in Köln für die Legalisierung von Abtreibungen.

ZDF

Selten hat ein Magazincover die Gesellschaft so nachhaltig verändert wie dieses: Am 6. Juni 1971 erschien der stern mit der Titelgeschichte "Wir haben abgetrieben!". Darin gaben 374 prominente und nicht prominente Frauen zu, einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen zu haben - was damals in der Bundesrepublik illegal war.

Unter den 28 auf dem Titel abgebildeten Frauen befanden sich die Schauspielerinnen Romy Schneider, Senta Berger oder Vera Tschechowa oder das Model Veruschka von Lehndorff. Eine Frau ist dagegen nicht identifizierbar - der gelbe Schriftzug ist über ihr Gesicht und ihren Namen geklebt. 

Der ZDF-Film "Aufbruch in die Freiheit" handelt von dieser Frau. Beziehungsweise: Er denkt sich eine Figur aus, die dort abgebildet sein könnte, nennt sie Erika Gerlach - und erzählt ihre Geschichte. Die künstlerische Freiheit bietet einen ungemeinen Vorteil: Auf diese Weise lässt sich eine Protagonistin konstruieren, deren Schicksal prototypisch für die Rolle der Frau in den frühen 70er Jahren steht.

Anna Schudt als dreifache Mutter

Zu Beginn sehen wir diese Erika Gerlach (Anna Schudt) auf dem Weg zum Frauenarzt. Der wird ihr verkünden, dass sie schwanger ist. Schon wieder. Drei Kinder hat sie bereits, dazu muss sie in ihrem kleinen rheinischen Heimatort täglich in der Metzgerei ihres Ehemannes hinterm Tresen stehen. An eine Abtreibung ist nicht zu denken. Ihr sittenstrenger Gatte gestattet ihr ja nicht einmal zu verhüten. Zudem steht auf Schwangerschaftsabbruch im Jahr 1971 Gefängnisstrafe.

So fährt sie ins nahe gelegene Köln und lässt bei einem Kurpfuscher heimlich abtreiben. Der Eingriff misslingt, Erika kann nur durch eine Not-OP in einem Krankenhaus gerettet werden.

Ihr Ehemann bekommt davon Wind - was zu einer schweren Ehekrise führt. Die wird dadurch verstärkt, dass Kurt der ältesten Tochter Ulrike trotz Empfehlung der Lehrerin den Besuch des Gymnasiums verwehrt, sie soll lieber im Familienbetrieb mitarbeiten.

Kampf gegen den Paragraph 218

Erika verlässt daraufhin ihr Zuhause und zieht mit den drei Kindern nach Köln zu ihrer Schwester Charlotte (Alwara Höfels). Die ist das Gegenteil von ihr: Denn während sich Erika in allen Lebenslagen den Wünschen ihres Mannes unterordnen musste, führt Erika ein komplett selbstbestimmtes Dasein. Sie verdient ihr Geld als Journalistin, lebt in einer WG, hat wechselnde Männerbeziehungen und engagiert sich im Kampf gegen den Paragraph 218.

Erika muss nun ein völlig neues Leben erlernen - und stößt auf ungeahnte Probleme. Um etwa eine Arbeit annehmen zu können, benötigt sie die Einwilligung ihres Ehemannes. Die ist auch für die Anmeldung ihrer Tochter auf dem Gymnasium nötig. 

Der stern spielte eine wichtige Rolle

Es gelingt dem Film, am Beispiel von Erika Gerlach die Situation von Frauen in den 70er Jahren eindrücklich zu schildern. Auch wenn die Kulisse bisweilen mehr nach Motto-Party "70er Jahre" aussieht denn einer Geschichte, die tatsächlich in diesem Jahrzehnt spielt: Die Figuren und ihre Motivationen sind höchst glaubwürdig dargestellt. Diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Doch wenn man "Aufbruch in die Freiheit" sieht, kommt es einem wie eine Ewigkeit vor. 

Somit geht von dem Film eine aufmunternde Botschaft aus: Er zeigt, wie viel sich für die Frauen seither zum Positiven verändert hat. Daran hat auch ein stern-Titel seinen Anteil. Auf dem Erika Gerlach schließlich auch abgebildet sein wird.

Schwangerschaftsabbruch: Abtreibung in Deutschland – das sind die wichtigsten Fakten