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Walter Moers: "Rumo" ist die Gruselversion Zamoniens

Der Ort der skurrilen Gelehrten mit mehreren Gehirnen, der tollkühn fabulierenden Lügen-Gladiatoren und der freundlichen Prinzen aus der 2364. Dimension ist das Reich von Tod, Krieg, Mordlust und Heimtücke geworden.

Der Ort der skurrilen Gelehrten mit mehreren Gehirnen, der tollkühn fabulierenden Lügen-Gladiatoren und der freundlichen Prinzen aus der 2364. Dimension ist das Reich von Tod, Krieg, Mordlust und Heimtücke geworden. Zwar lässt der Erfolgsautor Walter Moers sein neuestes Buch wieder auf jenem sagenhaften Kontinent Zamonien spielen, der mit seinen Eideten, Blutschinken, Haifischmaden und anderen Fantasie-Wesen schon die Kulisse für seinen Bestseller "Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär" bildete. Doch in "Rumo & Die Wunder im Dunkeln" schildert Moers Zamonien in Zeichnungen und Texten von seiner denkbar finstersten Seite.

Was die Menge vergossenen Bluts, die Anzahl Gemarterter und im Kampf Erschlagener angeht, können es die 695 Seiten von "Rumo" mit jedem Splatter-Film, jeder Wikinger-Saga und der antiken Mythologie aufnehmen - bei der sich Moers ohnehin kräftig bedient. Schon auf den ersten Seiten wird Rumo - als Wolpertinger eine Art übergroßer Hund mit menschlicher Intelligenz, aber raubtierscharfen Sinnen und Kampfinstinkten - seinem Welpen-Idyll entrissen und von Zyklopen entführt. In ihrem Kerker muss er miterleben, wie seine Mitgefangenen bei lebendigem Leib verspeist werden.

Zwar kann Rumo sich in einem wahren Gemetzel befreien, doch das Kapitel auf der Zyklopeninsel ist erst der Auftakt einer Odyssee, die von Abenteuer zu Abenteuer albtraumhafte Zügen annimmt. Um sein Volk und seine Angebetete zu retten, muss der Wolpertinger schließlich bis in eine Unterwelt hinabsteigen, die an die Höllengemälde des Niederländers Hieronymus Bosch erinnert.

In Einbildungskraft und Sprachgewandtheit übertrifft Moers sogar manch namhafte Fantasy-Autoren. Dabei schildert er all die Gruselwesen, Kämpfe und Schlachten nicht im hohen Stil heroischer Epik, sondern in einem beiläufigen, mitunter schnoddrigem Tonfall; seine Figuren lässt er keine Heldenprosa deklamieren, sondern legt ihnen Alltagsdeutsch in den Mund. Der Kontrast zum gruseligen Geschehen vermindert nicht etwa die Wirkung, sondern macht die Atmosphäre noch beklemmender.

Nicht nur deshalb ist "Rumo" spannend und unterhaltsam von der ersten bis zur letzten Seite: Nach bester Erzählermanier staut Moers den Handlungsfluss immer wieder mit Rückblenden und Einschüben, legt im ersten Teil allerlei Nebenstränge an, um sie am Ende in überraschenden Wendungen wieder zu vereinen. Dazu gibt es reichlich Illustrationen, in denen sich Moers - der in seinen "Adolf"- und "Arschloch"-Comics mit wenigen Strichen auskommt - als Meister der detailreichen Zeichnung zeigt. Selbst die Typographie nimmt er in den Dienst der Erzählung: Der Dämonengeist poltert seine Dialogzeilen in Frakturschrift, die "Unvorhandenen Winzlinge" wispern in kaum sichtbarem Grau.